Blattkritik: Fräulein (2)

Nachdem die letzte Ausgabe mit pinker Schrift aufwartete, kommt jetzt die nächste Trend- und Mädchenfarbe. Irgendein pastelliges Türkis. Die Titelthemen in dieser Ausgabe:

Primaballerina Polina Semionova (kenn ich sogar, wow!) - Surfin USA (total kreative Schlagzeile) - weiße Hemden (kann man haben) - Pornos (wir erinnern uns an die vorherige Ausgabe, wo man ankündigte “polarisieren” zu wollen, mhm, ja) - Josh Homme. Sexy wie der Teufel (kenn ich nicht, frage mich, ob Pferdehufe und Hörner aufm Kopf sexy sein können) - Warum die Taliban angeblich keine Terroristen sind (“angeblich keine Terroristen sind”, das hat in der Überschrift ja schon was total konkretes) - Mein Freund, der Baum (war das nicht ein Wahlspruch der Grünen in den 80ern?) - Orchideen ohne Geschlecht (sagt mir nichts) - Madonna und ihr Abstieg zum knorpeligen Sex Kitten (nachdem in der letzten Ausgabe Angelina Jolie gebasht wurde, ist jetzt anscheinend the Queen of Pop dran).

Die ersten beiden Seiten sind voll mit einer tanzenden Frau. Darauf folgen die üblichen acht Seiten Modewerbung und das Editorial von Götz Offergeld. Offergeld berichtet von der Melancholie, die ihn befallen hat, als es an einem Sommertag geregnet hat. Er stellt sich die existentiellen Lebensfragen und schreibt davon wie sehr er mit dieser Ausgabe gehadert hat. Er will sein Team nicht loben, tut es dann aber trotzdem, weil es eben einfach “fantastisch” ist. Dann empfindet er Trauer, als er die letzte Ausgabe von Fräulein anguckt. Weil die Frau mit der Autoimmunkrankheit gestorben ist. Ich verstehe Editorials generell nicht, in 98% der Fälle lese ich sie eh nicht, weil mir dieses “wir haben uns da und damit beschäftigt” spätestens im Inhaltsverzeichnis spätestens vier Seiten weiter noch mal aufgewärmt wird. Hier bin ich ganz froh es gelesen zu haben.

Drei Seiten Werbung, dann das Inhaltsverzeichnis. Wieder für meinen Geschmack schön designt, erinnert aber in nichts mehr an die letzte Ausgabe. Dann wieder die Contributorsseite, die aussieht wie ein stylisches Freundschaftsbuch über das jemand mit ner netten Schrift drüber gekritzelt hat. Ganz nett, dass man mal die Gesichter hinter den Autorennamen sieht, aber eigentlich steht da auch nur, was die für diese Ausgabe gemacht haben und dafür brauche ich keine zwei Seiten mit Autorenvorstellung. Dann druckt man halt ein Foto neben den Namen, kommt aufs Gleiche heraus.

Erster Artikel über Anika, eine Journalistin und politische Popmusikmacherin. Aha 24-jährige Politikstudentin, die zufällig entdeckt wurde und jetzt den großen Traum leben darf. Reicht, das zu überfliegen.

Es wird wieder Zeit für ein Frauenmodelabel. Da ich mir diese Labels nicht leisten kann, sehe ich es nicht ein, etwas darüber zu lesen. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, ich könnte mich dadurch inspirieren lassen, aber ich habe keinen wirklich ausdefinierten Kleidungsstil und bin deswegen inspirationsimmun.

Zwei Produktseiten namens Stil über weiße Sachen. Die günstigste weiße Sonnenbrille kostet 120 Euro. Das Günstigste auf den Produktseiten ist ein Nachthemd (?) für 52 Euro. Danach Produktseiten in bunt. Weil alles provokant sein musst, fällt mir besonders das Taschen-Buch “The Big Penis Book 3D” auf, für den Preis von 30 Euro bekommt man sogar eine 3-D-Brille mitgeliefert. W0 ich gerade recherchiere, für alle, die eher auf weibliche Geschlechtsteile stehen, hat Taschen natürlich auch “The Big Book of Breasts in 3-D” herausgebracht. Das Fräulein geht aber anscheinend von einer heterosexuellen, weiblichen Leserschaft aus.

Noch mehr Stil, z.B. ein Cardigan aus Algen, der reichhaltige Vitalstoffe an die Haut abgibt und 1000 Euro kostet oder Edelpantoffeln in blau oder im Leopardenlook für 625 bis 665 Euro.

Kommen wir zur Rubrik Porno. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die Pornos für Frauen drehen. Ich weiß, dass Frauen andere Pornos drehen als Männer. Ich weiß, dass es ne Menge Frauen gibt, die Pornos gucken. Alles nichts neues dieses Interview. Ich glaube, das hatte die Brigitte sogar schon vor zwei Jahren (glaube ich zumindest, konnte kein Datum da finden).

Noch ein Nagellackbild im Beautyteil, ja ganz schick. 50 ml Dekolleté-Straff-Creme für 40 Euro oder 50 ml Biology Solution Day/Night, aus der Beschreibung geht nicht ganz hervor, wofür das jetzt wirklich gut ist, aber 150 Euro kann man da sicherlich für bezahlen. 17 Euro für 100 ml Fußcreme. Wenn ich jedes Pflegeprodukt hier kaufen würde – und das ginge, weil für jedes Körperteil nur ein Pflegeprodukt vorgestellt wird – dann wäre ich 282 Euro los (bitte, bitte, bitte, lieber Gott, lass mich niemals so reich, dumm und uneigenständig werden, dass ich denke, ich bräuchte sowas).

In der Rubrik Durchbruch ein Portrait von Lou Lesage. Lou Lesage ist angeblich “die geborene Lolita”. Sie ist Sängerin und “schläft immer noch in ihrem Kinderzimmer”. Sie ist 19 und Französin und posiert auf dem Foto mit einem Mantel und sonst nichts. Auf einem anderen Foto trägt sie ein T-Shirt von Victoria Beckham und einen Gürtel von Gucci, die Hose ist von G-Star. Lou Lesage ist noch nicht famous genug für amazon, ich finde sie da nicht. Gibt man ihren Namen bei Google ein, findet man ihre Myspaceseite, der zweite Eintrag ist ein amerikanisches Forum, das darüber diskutiert, ob sie eine french actress oder maybe doch a musician ist. Die Musik hört sich ganz nett an, wenn ich fies sein wollte, würde ich sagen, es höre sich an wie Avril Lavigne, die einen auf Soko machen will. Bei Soko gefällt mir der franko-Akzent beim Englischsingen auf jeden Fall viel besser.

Es folgen Fahndungsfotos von Lou Lesage, sehr kreativ. Dann ein Portrait über Käthe Kruse. Käthe Kruse war mal Hausbesetzerin und ist wohl die “Ikone der deutschen Punkszene”. Interessante Geschichte einer interessanten Frau mit interessanten Bildern.

Dossier Kunst. Kann ich nichts mit anfangen, will ich auch nicht. Veranstaltungstipps für Festivals in Belgien und Norwegen. Eine Helmut-Newton-Polaroid-Ausstellung in Berlin, eine Miró-Ausstellung in der Tate Modern in London und ganz viel mehr.

Ein Portrait über eine Enkeltochter von Charlie Chaplin, die in ihrem 29-jährigen Leben schon Michael Jackson, Karl Lagerfeld und die Ehe mit einem Drogendealer ertragen musste. Mein herzliches Beileid. Außerdem ist die Frau widerspenstig, weil sie mit 17 Spaß daran hatte Autospiegel abzutreten. Model war sie auch, außerdem hatte sie mal eine Produktionsfirma in Hollywood, jetzt modelt sie wieder, hat ein Buch geschrieben.

Ein Tag in Wien. Nette Tipps. Ein Portrait über Josh Homme, diesen Menschen, der so sexy sein soll wie der Teufel (festgemacht wird das anscheinend daran, dass er rote Haare hat). Ich finde ihn so sexy, wie meine Lieblingshauptschüler im Bus, aber immerhin hat die Autorin von Josh Homme “harte Nippel” bekommen. Allerdings lässt mich der Artikel eine wichtige Bildungslücke schließen, bei Josh Homme handelt es sich um den Frontman von Queens of the Stoneage.

Bernhard Willhelm soll neben Karl Lagerfeld einer der bekanntesten deutschen Modedesigner der Welt sein, sagt Fräulein. Ich kenn ihn nicht, er interessiert mich nicht, auch wenn er ganz nett grinsen kann auf diesem überbelichteten Foto, wo er in einer abgeranzten Kneipe vor einem Teller Bockwürstchen mit Senf sitzt und sich mit beiden Händen an seine Kappe fasst.

Mal wieder ein Schnittmuster für *tatatata* ein Hemdkleid. Das Surfin’ USA Thema folgt. Nette Klamotten, aber weil wir ja provozieren müssen, gibt’s auch Fotos von nackten Frauen, die untenrum aussehen wie Fünfjährige (yeah, it’s fashion, baby!).

Hemdfotos, die Models tragen absurde Masken. Eine Geschichte über ein Hemd (wie letztes Mal über “das Handtuch”). Fotos von Alex Lundquist und Polina Semionova. Ein Interview mit Semionova über ihr Leben als Primaballerina (interessant und ausführlich).

Eine Hommage an Herb Ritts. Ein Artikel zum Thema “Pornographie und Holocaust”. Fräulein gesteht ein, der Titel sei ein Schock. Die Banalität des Bösen darf auch mitspielen und eine Zwischenüberschrift lautet “Faszinierender Faschismus”. Werde ich mir irgendwann genauer durchlesen und mir dann eine abschließende Meinung dazu bilden.

Ein Artikel über Schmetterlinge. Ein Artikel über die Kunst von Annette Ruenzler (hier findet man das Titelthema mit den Orchideen). Die Band Kitty, Daisy & Lewis. Wieder mal ein Ethikthema dieses Mal “Völkermord vor Gericht”. Unter dem Dossier Feierabend (???) kommt der Bericht über Karla Schefter, die ein Krankenhaus in Afghanistan leitet und anscheinend meint, die Taliban seien keine Terroristen. Danach ein Rezept für eine Tomaten-Möhrensuppe, das Schriftbild soll wohl an Handschrift erinnern, macht das Rezept aber leicht unleserlich.

Diesen Monat ist Madonna das Antifräulein, sie nervt die Kolumnistin nur noch. Mal gucken wer in der nächsten Ausgabe das Antifräulein wird, ich hoffe, Veronica Ferres.

Auch in dieser Ausgabe wieder mal ein Horoskop. Meine Ausstrahlung ist perfekt, sogar magisch. Fräulein will mir Fragen zu Trends, Fashion und Männern stellen (sollen sie mal, harharhar). Außerdem fordert mich Fräulein auf einen beliebigen, geprüften, richtigen Mann meiner Wunschvorstellung jetzt zu heiraten. Alles was ich tue, soll brilliant werden. Die Vertragsverhandlungen im September enden ganz zu meinen Wünschen. Ich mache gerade alles richtig. Ich sitze hier und lache mich tot und gucke vorsichtshalber noch mal in meinem Perso nach meinem richtigen Geburtsdatum, aber ich bin wohl wirklich Skorpion.

Ein Parfümbilderrätsel und ich soll die 10 Fehler finden. Gähhn, nein danke. Danach gibt’s ein Portrait über eine Frau, die Videokunst sammelt und in Jil-Sander-Stiefeletten beerdigt werden will und daaaaaaaann gibt’s die Fortsetzung der seltsamen Fischstory von letztem Mal:

Dieses Mal präsentiert Fräulein den Baum, ich kann mehr über die Wildbirne, den Speierling und die Schwarzpappel erfahren. Alles bedrohte Baumarten, danke für die Aufklärung, ich verstehe diese Aktion trotzdem nicht, aber sollte ich jemals in die Versuchung kommen, einen Baum zu pflanzen, wird es einer von diesen sein.

Das zweite Fräulein, das ich mir gekauft habe. Ja, mittlerweile weiß ich, was ich lesen will und was nicht. Für 2 Euro geht das klar…

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