Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist und das ist immer Bonn

(Das Leben ist hart und wenn du Pech hast, verschenkst du dein Herz auch noch an Bonn.)

Ich möchte mich hiermit schon für die bösartige Abwandlung einer Zeile aus einem Song der großartigen Element of Crime entschuldigen. Ich schmücke mich sonst immer nur mit wikiquote-Zitaten. Aber es ist ein Uhr und vierundzwanzig Minuten an Allerheiligen und ich sinniere über die Richtigkeit meiner Entscheidungen. Hören Sie hier auf zu lesen, wenn Sie uninteressiert an der selbstbeweihräuchendern Selbstbemitleidung einer vollkommen narzisstischen Noch-22-jährigen sind. Wenn Sie später in Kommentaren anmerken sollten, dass sich doch eigentlich niemand dafür interessiert:

1. Ich habe Sie gewarnt.

2. Sie Pisser sind mir echt sowas von scheißegal und Ihre Existenz wahrscheinlich noch weitaus mehr (Ihre Scheiß-Kommentare werde ich nicht freischalten).

3. Bespucken Sie doch bitte kleine Kinder.

Bonn ist schön. Für Rentner und gutverdienende Ausbeuterarschlöcher. Für Studenten eher so lala. Also schön ist die Stadt, man kann es nicht anders sagen. Sie ist nicht zu klein, sie ist nicht zu groß. Köln ist umme Ecke. An manchen Flecken von Bonn kann man sogar Großstadtflair erkennen und wenn man sich einmal ins Bonner Loch gestellt hat, dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass es im Osten schlimmer sein soll. Trotzdem hat Bonn diese Attitüde. Es hat keinen rotzigen Charakter, es ist piefig. Es ist voll mit elitärem Quatsch, es ist konservativ und hat nur sehr wenige Stellen, an denen ein Hipster gerne Shawarma essen und dazu einen Bubbletea trinken würde.

Bonn kann auch hässlich sein, ich habe mal eine unfreiwillige Tour mit der 600-irgendwas nach Tannenbusch gemacht. Dort ist Bonn eher so Ruhrgebiet, schlimmes Ruhrgebiet. Aber dann hat Bonn noch die Altstadt, die ein klitzekleines bisschen an Berlin erinnert. Bonn hat den Rhein und wenn man die Augen ganz doll zukneift und sich ein altes Fischbrötchen in die Tasche steckt, dann könnte man fast denken es wäre Hamburg. Aber eben nur fast. Bonn hat wahrscheinlich auch irgendwo ne Prise München versteckt, aber die will ich mir gar nicht durch die Nase ziehen, deswegen suche ich sie nicht.

Bonn. Ach Bonn. I gotta tell you how I feel about you. Ich habe mich im November 2005 für dich entschieden. Eher unbewusst, aber nach dem Abi wusste ich: „Du musst nach Bonn.“ Und danach hast du mich nur enttäuscht. Ich wohne im bonnigsten Bonn von Bonn. Es ist nichts los, die beiden Ministerien gegenüber strahlen das aus. Ich frag mich, ob da überhaupt noch jemand arbeitet. Wahrscheinlich eher nicht, aber das interessiert die Bonner ja auch nur noch periphär. Ich habe eine Bushaltestelle vor der Tür und kenne genug Leute, die als einzigen Vorzug Bonns sehen, dass man von hier mit dem Zug nur 20 Minuten bis Köln braucht. Und ich spreche hier von einem Regionalzug!

Als ich begann in Bonn zu studieren, dachte ich, ich wäre jetzt jeden Abend besoffen, würde Leute kennenlernen und voll kulturell abfeiern. Dann ging ich ins Carpe.

Nach dem Erlebnis im Carpe, wo ich mich damit brüstete als Landkind natürlich dauerbesoffen zu sein (welch lustiges Kokettieren mit meinem ruralen Background, den ich sonst immer möglichst weit von mir weise), 8 Wodka-Redbull trank und auf dem Rückweg Angst hatte, mein Nachtbus könnte von der Al Quaida in die Luft gesprengt werden (mein ruraler Background war also doch stärker als gedacht), befand ich, dass Bonn eigentlich doch ganz gut zu mir passte. Muss nicht, kann und wenn du nicht kannst, fährt die Regionalbahn immer noch in 20 Minuten nach Köln.

Ich wohne jetzt 3 Jahre in Bonn. Ich war seitdem 5 mal in Köln. Man könnte sagen ich kriege meinen Arsch nicht hoch. Nein, man muss es sogar sagen. Dafür wohne ich hier sehr gut in der Provinz. Die Miete könnte günstiger sein, der Studienverlaufsplan interessanter, die interessanten Menschen mehr. Sind sie nicht.

Ich hätte fliehen können, die Option bot sich. Aber wohin? Hamburg, Berlin? Nein, mein rural background hätte mich in wenigen Sekunden an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Außerdem twittere ich schon jetzt wie eine spießige Neoliberale (ich glaube, das war ein Pleonasmus), wenn im Bus jemand um 10 Uhr morgens zu stark den Alkohol der letzten Nacht ausdünstet.

Außerdem gehört mein Herz NRW. Und in diesem NRW sind einige meiner Kommilitonen untergekommen. Sie studieren jetzt woanders und ich sitze mit noch weniger interessanten Menschen in Bonn (also weniger interessante Menschen bezieht sich jetzt auf die Anzahl der Menschen, hallo liebe Bonner!). Es hätte anders laufen können. Ich wollte es nicht. Ich bin Gewohnheitstier. Nicht immer, denn ab und zu werde ich rasend wütend, wenn irgendein dahergelaufener Kommilitone seinen neuen Studienort in den höchsten Tönen lobt. In Wahrheit ist es Neid. Neid auf ein Nachtleben, das in Bonn nicht vorhanden ist. Neid auf eine andere Wohnung, die in Bonn sicherlich auch zu haben wäre. Neid auf die dämlichen neuen Profs, die so wahnsinnig elaboriert und klüger und kori- (Achtung Wortspiel) -fähiger sind als ihre Bonner Pendants (Hallo? Mein neuer Lieblingsdozent ist Gott!). Ich sitze dann aggressiv vor der Tastatur und tippe seitenlange Manifeste für Bonn. Dann sagt facebook, dass das Manifest leider zu lang ist, weswegen ich es daraufhin lösche, eine Karte NRWs nehme und überlege wie ich alle Orte in NRW außer Köln und Bonn mit einem einzigen atomaren Schlag auslöschen kann. Mir egal, was mit meinen Ex-Kommilitonen passiert, die haben Bonn verraten!

Ich bin jetzt immer da, wo ihr nicht seid und das ist immer Bonn. Bonn ist teuer, Bonn hat kein Nachtleben, aber ich bin in zwanzig Minuten in Köln. DAS KANN MÜNSTER NICHT!

Ach ja, liebe Münsteraner, das hier, das ist für euch und eure tolle Stadt:

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist mir immer unverständlich gewesen, warum jedermann, der für intelligent gehalten werden möchte, sich bemüht, diesen Pflichthaß auf Bonn auszudrücken. Bonn hat immer gewisse Reize gehabt, schläfrige Reize, so wie es Frauen gibt, von denen ich mir vorstellen kann, daß ihre Schläfrigkeit Reize hat. Bonn verträgt natürlich keine Übertreibung, und man hat diese Stadt übertrieben. Eine Stadt, die keine Übertreibung verträgt, kann man nicht darstellen: immerhin eine seltene Eigenschaft. Es weiß ja auch jedes Kind, daß das Bonner Klima ein Rentnerklima ist, es bestehen da Beziehungen zwischen Luft- und Blutdruck. Was Bonn überhaupt nicht steht, ist diese defensive Gereiztheit: ich hatte zuhause reichlich Gelegenheit, mit Ministerialbeamten, Abgeordneten, Generalen zu sprechen- meine Mutter ist eine Partytante , und sie alle befinden sich im Zustand gereizter, manchmal fast weinerlicher Verteidigung. Sie lächeln alle so verquält ironisch über Bonn. Ich verstehe dieses Getue nicht. […] Eine gute alte Tante kann einem beibringen, wie man Pullover strickt, Deckchen häkelt und Sherry serviert – ich würde doch nicht von ihr erwarten, daß sie mir einen zweistündigen geistreichen und verständnisvollen Vortrag über Homosexualität hält oder plötzlich in den Nuttenjargon verfällt, den alle in Bonn so schmerzlich vermissen. Falsche Erwartungen, falsche Scham, falsche Spekulation auf Widernatürliches. Es würde mich nicht wundern, wenn sogar die Vertreter des Heiligen Stuhls anfingen, sich über Nuttenmangel zu beklagen.

    Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns, München 121972, S. 67.

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  2. Öh. Ist das ein Text von 2008? Oder … ich kann bestimmt nicht rechnen. Ganz bestimmt. Aber den Vergleich zwischen unserer Altstadt und (welchem Teil) Berlins hätte ich auch gerne ausformuliert. Aber das ist nur ein frommer Wunsch. Passt ja auch irgendwie zu Bonn.

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    • ein “ ein klitzekleines bisschen an Berlin erinner“n tut wahrscheinlich vieles. Erinnerung ist auch immer subjektiv, aber eigentlich wollte ich diese Kommentare ja nicht freischalten, vergeuden Sie Ihre Zeit doch bitte, wie oben empfohlen, damit Kleinkinder anzuspucken.

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  3. Genau genommen HABE ich mich ja dafür interessiert, wo die Vergleiche gezogen werden könnten. Spuck ich halt hier.

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    • ich mache es in erster linie an der schäbigkeit des ein oder anderen hauses fest und daran, dass man da ab und zu mal streetart zu finden ist und ein menschentyp, den man auch nach f-hain und prenzlberg verschicken könnte, ohne dass das irgendwem auffällt. die altstadt ist halt „hip“, sofern das in bonn irgendwo überhaupt möglich ist. falls sie weitere ausführungen wünschen, tut es mir leid.

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  4. Ich liebe Bonn. Sicherlich ist es nicht mit Dresden zu vergleichen, der Großstadt, die ich als (Dorf-)Kind immer als DIE Großstadt erlebt habe, einfach weil sie die nahegelegenste war. Gut, einmal im Jahr gings mit der Familie auch nach Berlin, aber die Stadt war eher dreckig und zu groß und irgendwie landeten wir dann ja auch immernur im Wohnzimmer bei Verwandten und tranken Kaffee und aßen Kuchen.
    Und dann erlebte ich Köln, drei Jahre lang ließ ich mich dort ausbilden in dieser mir fremden Stadt, die ebenfalls mit Dresden nicht mithalten konnte, die neben dem Dom nichts Sehenswertes zu bieten hatte, in der ich dann aber erlebte, was die Anonymität bedeutete, die man Großstädten zuschreibt. Einsamkeit. Langeweile… Blöder Dom. Blödes Kölsch. Scheiß Underground. Okay, ich lebte mich ein, fand interessante Leute (nur meine Nachbarn kannte ich bis zum Schluss nicht) und hatte auch Spaß, wenn Kumpels nach der Arbeit vorbei kamen und wir tranken oder Wii spielten, aber schönsten war´s doch immer weg aus Köln, wenn wir nach Amsterdam fuhren oder bis nach London, wenn ich wieder Dresden sah oder nach München reiste…
    Und dann: Bonn.
    Ich studiere hier seit 2009, was noch nicht zu lange ist, und dennoch klebe ich bereits fest und genieße, dass es hier soviel grüner ist als in Köln, dass es auch Straßen mit kleinen Geschäften gibt, dass ich meine Buchhändlerin kenne (und meine Nachbarn!). Gut, ich wohne nicht mehr über einem Kiosk, was so oft so praktisch war, aber ich kann in 5 Minuten beim REX sein oder dem Irish Pub und der Trödelmarkt in der Rheinaue ist gigantisch! … ect. Darf man eigentlich so lange Antworten schreiben?

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  5. Pingback: La semaine 52 | Mehr Pusteblumen, mehr Seifenblasen!

  6. Bonn.Es ist todlangweilig.Meine Kommilitonen am Juridicum kenn ich nicht und will es auch nicht.
    Ippendorf ist wie aus einem Nazi-Zombiefilm entsprungen.
    Die Stadt ist teuer.Und mein Wohnheim ist im wahrsten Sinne ein asiatisches Drecksloch.
    HDL. Pace

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  7. Hihiii…Ich habe mich lange nicht mehr so gut amüsiert. Ich dachte ja mal, dass meine Heimatstadt Kiel ziemlich ruhig wäre. Dann lernte ich Bonn kennen. Zum Glück bin ich ab dem 06. Juni 2013 hier weg-und pünktlich zur Kieler Woche wieder in Kiel. Die Kieler Woche hat jedes Jahr gut zwei Millionen Besucher. Gefühlt sind das in zehn Tagen 1.900.000 Besucher mehr, als Bonn in den letzten zehn Jahren Teilnehmer am Bonner „Nachtleben“ verbuchen konnte.
    Bonn- Stadt der FDP wählenden Privatpatienten…R.I.P…

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  8. Pingback: <3 am Rhein #bnbp13 | Leben im 21. Jahrhundert

  9. Ach ellebil, ach ellebil, sie weiss genau, was sie will.

    Dieser Beitrag ist fantastisch! Ich liebe so sehr, wie du mit 22 Jahren (dich) reflektierst. Mit 22 Jahren kokettieren können mit der ruralen Herkunft, ist einfach nur göttlich. Was habe ich gelacht.

    Und wie wunderbar du so viele Punkte triffst, die ich auch als typisch „Bonner“ empfinde. Das ewige Erklären und Rechtfertigen gegenüber Köln. Dazu Moritz Kommentar über die manchmal schläfrigen Frauen und ihre Reize und die Tanten … göttlich. Ihr versüßt mir den Abend.

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  10. Pingback: Bonn von BonnerInnen beschrieben | curry and culture

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