Noch was aus der Mottenkiste…

Chilling in trouble

Hitze, Müdigkeit und Hektik. Mittendrin ich. London am 8.10.2005.

Und plötzlich stehe ich mitten in China. In einem Klischeechina, wie mir erklärt wird. Old fashioned China. Ich bin mitten in Europa und sehe doch vollkommen fremd aus. Meine Kleidung, mein Aussehen und mein Denken entstammen einer ganz anderen Welt. Touristen mit sündhaft teuren Fotoapparaten knipsen wie ein paar wild gewordene Paparazzi bei einer Filmpremiere – nur diesmal sind es nicht die Japaner, denn die festgefahrenen Vorurteile verdrehen sich. In einer Gruppe von sechs Leuten bin ich die einzige Europäerin. Was soll’s, jeder zweite Mensch auf dieser Welt ist Asiat und hier wird es besonders deutlich. Gerüche steigen mir in die Nase, die ich bisher noch nicht gekannt habe. Einige lassen mich zurückschrecken, andere wiederum wecken Neugierde. Und überall um mich herum verschiedene Sprachen: Kantonesisch, Mandarin und Japanisch – um nur einige zu nennen. Hunger treibt uns in eines der vielen Restaurants, die sich nur so um Gäste reißen. Und ich weiß noch nicht mal, was da gleich vor mir stehen wird. “Was magst du denn?” Äh ja, gute Frage, was mag ich? Das hier ist doch mit keinem deutschen Chinarestaurant zu vergleichen…! “Alles, nur kein Rindfleisch.” Gut und was ist, wenn ich gleich Affenhirn esse? Klar, hört sich schwachsinnig an, aber dieses “Gerücht” wurde mir von meinen Begleitern selbst erzählt. Affenfleisch in Großbritannien. Ich habe aber auch Vorurteile. Chinesischer Tee. Mhm schmeckt irgendwie, irgendwie so gar nicht nach Tee. Eher bitter als alles andere. Aber irgendwie auch lecker. Das Essen kommt und zu meinem Entzücken gibt es kein Affenhirn. Und ich kann meine Begleiter sogar beeindrucken:
“Wo hast du denn gelernt mit Stäbchen zu essen?”
Weißes Brot, das aussieht wie Schaumstoff. Süß, aber mit Schwein gefüllt. Ich probiere, mir wird schlecht. Schmeckt eigentlich ganz gut, aber ich bin wohl nicht so richtig drauf eingestellt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Trubel in Covent Garden. Überall Künstler oder solche, die gerne welche sein wollen. Eine riesige Menschenmenge umringt einen jonglierenden Mann, der Witze reißt und Menschen, die ihre Theaterkarten günstig loswerden wollen. Ein Rundgang durch das von Pubs und kleinen Cafés gesäumte Viertel. Ich mache Fotos und plötzlich steht er vor mir. Mit nettem Grinsen auf dem Gesicht drückt er mir eine Rose in die Hand. “Hello, where are you from?” “Ehrrr, Germany!” Ob er ein Foto von uns mit diesen Rosen machen soll, fragt er. Klar, kann er. Ich drücke ihm meinen Fotoapparat in die Hand. Foto ist geschossen. So und weil ich aus Germany bin, krieg ich hier gleich einen Sonderrabatt, statt stolzen fünf Pfund überlässt er mir die Rose für lächerliche zwei Pfund. Als ich ihm das Geld in die Hand drücke, wird mir klar, dass ich gerade einen Fehler begehe. Zehn Minuten später schimpfe ich immer noch auf ihn und das Foto ist auch hässlich.

Leicester Station. Es wird Zeit wieder nach Paddington zu kommen. Ich muss an Miss Marple denken und verheddere mich plötzlich im Londoner Undergroundnetz. Fuck! Na, mal schauen wie höflich denn die Engländer sind. Klar, erster Versuch scheitert gnadenlos. Hat keine Zeit, die gute Dame und hält es auch nicht für nötig die Stöpsel ihres I-Pods aus den Ohren zu nehmen. Vielleicht sollten wir einfach in irgendeine Tube steigen und hoffen, dass sie uns irgendwann in Paddington ausspuckt. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren – um sechs Uhr geht der Zug. Bleibt uns wohl nichts anderes übrig als jemanden zu finden der uns vielleicht helfen kann. Eine blonde Frau – ich schätze sie Anfang 20 – hilft uns gerne weiter, sucht mit uns nach einem U-Bahnnetzplan und findet schließlich eine passende Route für uns. Wie schön, dass sie auch mit der Tube Richtung London Heathrow fahren muss. Unterwegs fragt sie mich, woher ich komme. Wieder einmal “Germany” und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht als sie “Ick sprecke Doitsch” sagt. Ich antworte: “Schön!” und lächle sie an. Sie erzählt mir wie gut ich es in Deutschland habe: Schule von 8 bis 1 Uhr. Naja, schön ist was anderes. Als ich neben ihr auf die Tube warte, erzählt sie mir, dass sie schon in Berlin und München war. Und ich erzähle ihr, dass ich von allen Städten London am liebsten mag. Sie nicht. Paris gefällt ihr besser. Aber in Deutschland war sie also auch schon. München und Berlin, naja, wenigstens hat sie nicht nur das bayrische Theater von Deutschland kennen gelernt. Und ich habe wieder dieses Bild von den biertrinkenden Deutschen in Dirndl und Lederhosen, die um die Wette jodeln, vor Augen. Berlin hat ihr auch gefallen. So viel Geschichte. Jaja, die Geschichte, die mag ich an Berlin auch sehr gerne. Dann erzählt sie mir, dass sie ursprünglich aus New Zealand kommt. Neuseeland, da will ich nach dem Abi hin! Netter Zufall. Eine wunderschöne Landschaft muss es da geben, sage ich. Und sie pflichtet mir bei. Ich erwähne den Herr der Ringe Film. Sie hat ihn nicht gesehen, aber sie meint, dass er dem Land gut getan haben muss. Weil alle Welt sich jetzt die Drehorte anschauen will. Die Tube kommt und nimmt uns mit. In South Kensington steigen wir aus und suchen nach der Circle Line, die uns nach Paddington bringen soll. Ein Italiener versucht sich in schlechtem Englisch Auskunft zu verschaffen. Er nervt den Mann hinter der Fensterscheibe solange, bis dass er herauskommt und ihm mit einem Stift aufmalt was er zu tun hat. Die Tube kommt und nimmt uns mit nach Paddington. Dort herrscht ein Gewirr, aber wir finden unseren Zug. Ich lasse mich in meinen Sitz fallen, schließe die Augen und weiß, warum ich London so liebe.

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