Mein Dealer ist nicht human.

Es gibt viele Leute, die sagen, ich sei internetsüchtig. Diese Definition ist aber sehr halbgar. Internetsüchtig bin ich nämlich gar nicht. Ich verbringe nur gerne 8 Stunden am Tag mindestens im Internet. Das ist nicht weiter tragisch, weil meine sozialen Kompetenzen nicht besonders ausgeprägt sind. Das können Sie daran merken, dass ich mich äußerst ungern mit großen Menschenansammlungen treffe, ein Faible dafür habe Kronkorken aufeinander zu legen (und wehe es gibt nur Kronkorken in ungerader Zahl! Das ist übrigens die einzige Methode mich dazu zu bekommen eine Flasche Bier zu exen, fun fact) oder dass ich Menschen nicht gerne angucke, wenn sie mit mir reden (nach längerem Studium habe ich gemerkt, dass Dozenten, deren Seminare mir gefallen, die gleiche Angewohnheit haben, weswegen ich seitdem gute Dozenten an der Häufigkeit ihrer gen Decke wandernden Blicke beurteile).

Kurzum: Meinetwegen halten sie mich doch für internetsüchtig, aber für soziophobe Damen wie mich kann das nur gut sein. Kürzlich erst waren sämtliche medialen Gerätschaften meiner Wohnung nicht mehr zu bedienen. Sie können sich überhaupt nicht vorstellen wie schrecklich das war. In etwa so stelle ich mir die Enttäuschung eines Freiers vor, den niemand für kein Geld der Welt haben möchte. Kurzfristig empfand ich sehr viel Mitleid für diese Menschen, doch dann funktionierte das Internet plötzlich wieder und ich erinnerte mich, dass es für die ja youporn gibt.

Sie denken jetzt mit Sicherheit: acht Stunden täglich im Netz, was muss die alles sehen? Die Wahrheit ist: nicht viel. In erster Linie grase ich jeden Tag zwei Mal meine Blogroll ab, um herauszufinden, ob irgendjemand was Neues veröffentlicht hat (das ist sehr selten der Fall und ja, genau, Fräulein Zorro und Herr hellojed, ihr seid gemeint!).

Weil ich mich ja gerne in unbändigen Hass versteige, liebe ich es natürlich auch, Beschimpfungen im Internet durchzulesen, weswegen ich jeden Tag qype besuche und mir anschaue, welcher Bonner Einzelhändler heute wieder was verbrochen hat. Gelegentlich lasse ich mich zu eigenen Hasstiraden hinreißen, die ich aber regelmäßig wieder löschen muss, weil sie gegen irgendwelche sinnlosen Nutzerregeln verstoßen.

Habe ich das gemacht, verbringe ich einige Zeit auf groupon, um herauszufinden, wo ich mein nicht-existentes Geld zum Fenster rausschmeißen kann. Um ehrlich zu sein habe ich noch nie einen groupon-Gutschein bestellt, aus diversen Gründen, aber ich gucke jeden Tag nach, ob ich meine Meinung nicht für drei kleine Babywalrosse zum Preis von einer Milchkuh ändere. Manchmal kombiniere ich mein groupon-Stalking mit meinem qype-Absurfen und habe seit längerem das Gefühl, dass zwischen schlechten qype-Einträgen und groupon-Angeboten ein Zusammenhang besteht, der selbst für Medienwissenschaftler uninteressant wäre.

Habe ich auch dies gemacht, hänge ich bei den Onlineauftritten diverser Lokalzeitungen herum, um Berichte über schwimmende Kühe zu lesen. Dazwischen checke ich regelmäßig sämtliche Timelines aller drölftrilliarden Socialnetworks, in denen ich zuhause bin, und melde mich bei neuen an. Alle 20 Minuten checke ich mein E-mailfach und alle 30 Minuten schreibe ich ungehaltene Meckermails an alle und jeden.

Manchmal ist mir auch so langweilig, dass ich bei amazon versuche Musik zu hören. Die letzte halbe Stunde verbrachte ich damit, herauszufinden was genau das schlimmste dieser  50 Lieder ist. Ich konnte mich nicht entscheiden.

Sie können jetzt sagen, dass ich ein bemitleidenswerter Mensch bin. Ich blicke häufiger in total entgeisterte Gesichter, wenn ich von replys, hashtags, bugs rede, darüber philosophiere, warum niemand mit dem Internet Explorer surfen sollte, WEP von WPA2-Verschlüsselungen unterscheide und sage, warum WEP-Verschlüsselungen schlecht sind. Weine, weil ich dieses und jene elektronische Gadget nicht habe und noch ein Jahr bis zum neuen Smartphone warten muss. [Und dabei weiß ich relativ wenig über die Funktionsweise von Computern, müssen Sie mir glauben.] Sie können mich zutiefst bemitleiden, ich kenne das schon. Aber bitte:

KOMMEN SIE NIEMALS AN UND FRAGEN MICH, WARUM MAN BEI TWITTER IHREN NAMEN SEHEN KANN, WARUM MAN BEI GOOGLE IHR FACEBOOK-PROFIL FINDET, WARUM SIE DIESEN INTERNETHYPE NICHT VERSTEHEN UND FANGEN SIE ERST RECHT NICHT AN ZU HEULEN, WENN IHR INTERNET EXPLORER ABGESTÜRZT IST, IHR LAPTOP ZICKEN MACHT, SIE DIESE SCHEISSLISTEN BEI FACEBOOK NICHT VERSTEHEN ODER EINFACH NUR WISSEN WOLLEN, WIE MAN BILDER PER MAIL VERSCHICKT.

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PS: Liebe, wenige Menschen, die ich reallife-Freunde nenne, ihr seid damit natürlich gar nicht gemeint, immerhin biete ich trotz krassem Unglauben an eure technischen Fähigkeiten meinerseits ja regelmäßig meine Dienste von selbst an.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du grast Blogs trotz dieser ganzen Internetbegeisterung von Hand und ohne Feedreader ab? Warum denn bloß?

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