Weihnachtsmelancholie

Dieser Dezember ist kein richtiger Dezember, er ist viel mehr ein Ende Oktober, aber mein Kalender sagt, dass jetzt Dezember sei.

Früher war der Dezember mal ein Monat, der sich endlos zog, wie wenn man sich ein komplettes Päckchen Kaugummi auf einmal in den Mund geschoben hatte und nun das angesabberte Etwas langsam aber sicher immer weiter in die Länge zog, um es sich dann um den Finger zu wickeln. Aber der Dezember ist eben kein langgezogener Kaugummimonat mehr.

Er ist ein Konsumrauschmonat geworden. Mit dem steigenden Taschengeld brachten die zusammengeklebten Kleinkindergeschenke nichts mehr und es musste etwas Praktisches, etwas Schönes und vor allem etwas Teures her. Nicht, dass das von mir erwartet wurde, ich erwartete es selbst von mir.

Früher war dieser Kaugummimonat Dezember mal etwas besonderes für mich. Wie bei fast jedem kleine Kind läutete der erste Advent auch bei mir die Vorfreude ein. Wenn ich im Nachhinein über die gefühlte Zeit nachdenke, die ich als Kind während der Adventszeit verbrachte, müsste ich sie heute mit einer Zeitspanne von 3 Monaten vergleichen. Die Tage wirkten endlos. Bis Nikolaus, immerhin 6 Tage nach dem ersten Dezember, vergingen für mich Ewigkeiten. Heute wundere ich mich eher, dass in 2 Tagen „scho Weihnachten ist“.

Wo früher noch liebevoll geschmückt wurde, geht man sich heute lieber damit auf die Nerven, das dies und jenes fehlt, der Adventskranz zu mickrig ist, man kein Verlangen mehr danach spürt die Kläppchen des Adventskalenders zu öffnen oder überhaupt in Weihnachtsstimmung kommen zu wollen. Das ganze fühlt sich nach Pflichtveranstaltung an. Der jährliche Besuch der Kirche wird absolviert, wie es sich für U-Bootchristen gehört, in erster Linie natürlich um gesehen zu werden.

Hat man diese Veranstaltung hinter sich gebracht, sitzt man zuhause unter dem kläglichen Tannenbaum, der in diesem Jahr aufs Podest gehoben werden musste, weil er zu klein war. Die Einstiche der Tannennadeln an den Fingern der Festtagsgesellschaft sieht man immer noch und alle haben sich mal wieder geschworen, dass nächstes Jahr entweder eine Plastikversion im Haus steht oder wenigstens die luxuriösere Baumversion zu kaufen. Die Hitmixe diverser Weihnachtslieder laufen und der eingängige Beat lässt mir die Ohren platzen, wenn Weihnachten etwas harmonisch-kuscheliges haben soll, warum kommen dann Musikproduzenten an und legen einen fetten Beat unter das Ganze? Soll ich meine Geschenke etwa rhythmisch auspacken?

Die Geschenke, das ist noch so ein Thema. Ich halte ja inzwischen generell nicht mehr viel davon, Geschenke an einem bestimmten, festgelegten Datum wie eben Weihnachten oder Geburtstag an die Allerliebsten zu verteilen. Aber so sitze ich eben vor meinem Geschenkeberg und packe aus. Künstlich gestellte Freude über seltsame Kleidungsstücke, teilweise ist sogar etwas Brauchbares dabei. Das schlechte Gewissen, dass ich mich nicht über Geschenke freuen kann, beschleicht mich seit geraumer Zeit. Ebenso dass ich mit Bedacht jedes Jahr ins Weihnachtsfettnäpfchen trete.

Geschenke auszusuchen ist mitunter die schlimmste Aufgabe während des Advents. Man hetzt ständig in irgendwelche Geschäfte, in der Hoffnung etwas passendes zu finden, kehrt 2 ½ Stunden später verschwitzt zurück, um vielleicht einen mickrigen Teil eines Geschenkes gefunden zu haben. Am Ende landet man dann bei altbewährten Dingen wie einem Gutschein oder Sachen, über die sich der oder die Beschenkte garantiert nicht freuen. Aber was soll man machen, schließlich zählt zum Fest der Liebe ja die Intention und nicht das Geschenk, auch wenn ich manchmal daran zweifle, dass meine Mitmenschen das wirklich meinen.

Viel mehr ist Weihnachten ein Kampf. Und bei diesem Kampf gibt es immer nur Verlierer. Die eine Seite der Verlierer ist die, die sich zwar Gedanken machen und die kreativsten Geschenke basteln bzw. kaufen, selbst aber einfallslose Dinge wie Socken geschenkt bekommen. Dann gibt es aber auch den umgekehrten Weg, der einfallslosen Verschenker, die die kreativsten Sachen geschenkt bekommen, jetzt aber beschämt zu Boden blicken und nicht wissen wie sie schnellstmöglich das Loch im Boden schaufeln und darin verschwinden.

Manchmal wünsche ich mir dann meinen Kaugummidezember zurück, indem sich alles ausdehnte und ins Unendliche verzerrte. Weihnachten selbst war dann aber ganz schnell wieder vorbei. Heute ist Weihnachten endlos und die Zeit davor viel zu schnell vorbei. Die kindliche Vorfreude auf den Weihnachtszauber fehlt, auch wenn mich die Werbung eines Besseren belehren will. Irgendwie schade…

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