Frühlingsdepression

Ich hasse den Frühling. Sie können sich gar nicht vorstellen wie abgrundtief. Seit zwei Tagen scheint die Sonne und die Temperaturen liegen über 15° Celsius. Die ersten Schneeglöckchen sterben und meine Laune ist noch schlimmer als sonst. Das ist keine Aggrotüde, das ist meine Realität.

Es liegt nicht nur daran, dass jetzt halb Bonn meint, seine Kinder auf Fahrräder oder in diese komischen Anhänger zu zwängen. Oder dass gerade Pärchen jetzt dieser krasse Hormonschub befällt, der sie zwingt dauerhaft nur noch händchenhaltend durch die Gegend zu rennen und dabei sämtliche Straßen zu verstopfen. Besonders liebe ich übrigens diese Pärchen, die plötzlich stehen bleiben, weil sie ganz dringend knutschen müssen.

Es liegt auch daran, dass es morgens früher hell wird und ich in einer Wohnung mit zwar nur einem Fenster, aber keiner Jalousie, nur noch bis 9 Uhr schlafen kann (Sweet-Studentenleben). Es liegt auch daran, dass pünktlich zum Frühlingsanfang alle dringend Partner brauchen und deswegen auf die sexuellen Lockstoffe in ihrem Schweiß setzen oder sich stattdessen mit irgendwelchen Frühlingssondereditionen diverser Bebe-Cremes eindecken, die riechen als hätte Daniela Katzenberger sich persönlich das letzte bisschen pinkes Hirn durch die Nase gezogen und dass dann in einem Sud aus Maiglöckchen aufgekocht. Bei dem massiven Einsatz sexueller Lockstoffe aber vergessen die meisten, sich ihre Füße nach ca. drei Monaten Einweckschuhen mal genauer anzugucken, bevor man sich die FlipFlops drüberstreift.

Die blöden Vögel sind wieder da und haben nichts besseres zu tun als direkt vor meinem Fenster eine Orgie zu veranstalten. Die Bäume schlagen aus und verursachen bei der Hälfte meines Freundeskreises Schnupfen. Die ganzen Scheiß-Viecher, die der Winter getötet hat, sind wieder da (ich erlegte gestern die erste Motte dieses Jahres), wenn die Scheiß-Vögel die mal fressen würden anstatt rumzuexistieren.

Jeder Vollhorst holt seine Kamera raus und macht Blumenfotos. Scheißdumme Blumenfotos. Hallo? Ich kann mir die selber angucken, wenn ich will. Wenn ich will, kann ich mir auch tote Blumen kaufen und mich an ihrem Verfall ergötzen. Ich brauche nicht auch noch 8000 facebook-Fotos à la „OMG!!!11elf! die allererste übelst hässliche Osterglocke!!!“ (und ich weiß jetzt schon, dass diese Aussage 4000 weitere Blümchenfotos in meiner Timeline provozieren wird), bislang haben wir „Der Frühling ist auf meinem Balkon angekommen.“; „Das Wetter passt jedenfalls: 20° in Bonn. ;-)“ oder „sitzt auf der ,,Terassen-fensterbank“ mit einem buch in der Hand und genießt die Sonne =) ♥ *.*“ und dann berichtet dieses dumme Boulevardmagazin dann auch direkt mal fünf Minuten nur über den Frühling. Hallo? Das ist Wetter, das braucht niemand.

Und dann ist noch irgendwas in der Luft, das irgendetwas von ganz tief unten hochholt. Irgendwann ist in mein Unterbewusstsein mal einprogrammiert worden, dass ich den Frühling nicht mag. So wie andere Leute von mangelndem Sonnenlicht Winter- und/oder Herbstdepressionen bekommen, kriege ich von Frühlingslicht Depressionen. Jedes verdammte Jahr. Wo im Winter Lichttherapien helfen, könnten es bei mir vielleicht Höhlen schaffen. Ich bräuchte quasi eine Art Frühlingsschlaf. Ohne Viecher, ohne Licht. Einfach bis zum Sommeranfang schlafen, mit dem komm ich nämlich klar, weil das leider – im Gegensatz zu Lichttherapien – gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, sehen Sie mich die nächsten drei Monate nur noch mit Sonnenbrille.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du kannst immer nur meckern… was gibt es denn besseres, als diesen kühlen Morgennebel einzuatmen? Sowas kriegst du weder im Winter, noch im Spätfrühling… Sowas gibt es nur in ein paar Herbsttagen und in ein paar frühen Frühlingstagen… olle Meckerziege…

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  2. Ich kann mich Ihrer Meinung nur anschliessen!
    Insbesondere gehen die Städter auf die Nerven. Kurz mal Frühling und schon wird einem alles unter die Nase gehalten von “ ach was sind wir doch verliebt“ , über ekelhaften nackten Füßen, bis noch widerwärtigeren Tätowierungen!
    Also das volle Programm!
    Bis dann wieder Herbst wird
    und sie dann alle der Reihe nach Depressionen bekommen.
    Lächerlicher geht es kaum noch…
    Aber so sind sie nun mal die Menschen,
    es gibt keine anderen, soll der Urgroßvater der Nation – der gute alte Konrad – einst gesagt haben, der konnte wohl langsam auch keine Flipflops mehr sehen.

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