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Angefangen hat alles mit der Fliegerbombe in Schwabing und der Feststellung der Kaltmamsell, dass auch diese Bombenfunde zeigen, dass kein Strich unter die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 gezogen werden sollte. Full ack. Die aktuelle Ausgabe der Zeit mit dem Titelthema „Wann vergeht Vergangenheit?“ tat ihr übriges. Soweit ich das sehen kann, sind weder die Interviews mit den Historikergrößen aus In- und Ausland, noch der Kommentar „Vorhaut ohne Ende. Der Angriff gegen zwei Weltreligionen“ von Josef Joffe im Internet zugänglich, was ich außerordentlich bedauere.

Aber nachdem ich gestern auf facebook eine Diskussion über das Statement von Israel Meir Laur im heute-Journal las, war es dann leider endgültig vorbei mit meinem Verständnis gegenüber meinen „Landsleuten“. Das Statement ist ähnlich dem, das die Süddeutsche bereits zitierte. Die Beschneidungsdebatte ist pikant und dass ein Vergleich wie

„‚Es ist erstaunlich zu sehen, dass Deutsche ihre Sensibilität gegenüber dem Weinen eines Babys entdecken. Ich habe diese Erfahrung in meiner Kindheit nicht gemacht‘, wird der 75-Jährige zitiert, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat. ‚Das Leben eines jüdischen Kindes war den Deutschen damals gleichgültig.'“

(Peter Münch, Beschneidungsdebatte in Israel. Streit um ein göttliches Gebot, http://www.sueddeutsche.de/politik/beschneidungsdebatte-in-israel-streit-um-ein-goettliches-gebot-1.1449976)

eine „nachgeborene“ Generation vor den Kopf stoßen kann, natürlich auch.

Das allerdings befähigt einen nicht dazu, hohle Phrasen à la „Mit solchen Sprüchen muss man sich als Deutscher abfinden. Ist so, auch wenn ein Österreicher es vermasselt hat….“ oder „Der Mann ist 1937 geboren, so ein Kindheitstrauma sitzt tief….“. Für solche Sätze gibt es keine Entschuldigung. Solche Sätze machen mich wütend und traurig und lassen mich darüber nachdenken, ob es nicht alljährliche Pflichtbesuche an den Wirkungsstätten der größtenteils deutschen Schergen eben jenes „Österreichers“, der interessanter Weise seit 1925 gar kein Österreicher mehr war und 1932 deutscher Staatsbürger wurde, geben sollte.

Vielleicht wäre auch mal ein Blick in die eigene Familiengeschichte interessant. Ganz unabhängig davon, was dabei herauskommen mag: es hat damit zu tun, wer wir sind und welche Verantwortung wir tragen. Verantwortung, die nicht allein auf die paar Zeitzeugen abgewälzt werden kann, die sich gelegentlich vor Guido Knopps schwarzer Wand im ZDF äußern dürfen oder Tätern, die hochbetagt in den Gerichtssaal gerollt werden. „Nachgeborene“ spekulieren ja gerne mal darauf los, dass sie vollkommen anders gehandelt hätten, hätte es sie damals schon gegeben und vergessen dabei voll und ganz, dass sie unter vollkommen anderen Umständen geboren und sozialisiert wurden.

Im letzten Jahr ist eine seit Jahren operierende rechtsradikale Terrorzelle in Deutschland aufgeflogen. Und das war bei weitem keine Ausnahme, rechten Terror gab es in der Bundesrepublik nicht erst seit der NSU. Dass sich die Mitglieder dieser Zelle schon in ihrem Namen auf die Begründer ihres Gedankenguts stützten, sollte genügen, um zu erkennen, dass man den Deckel nicht zumachen darf, denn sonst könnte er überkochen. Aber statt zu fordern, dass derartiges nie wieder passiert, wird eben das gefordert: doch endlich mal den Schlussstrich zu ziehen. Den Schlussstrich unter 12 Jahre, die den industriellen Völkermord hervorbrachten. Darunter kann kein Schlussstrich gezogen werden. Niemals.

  • Veröffentlicht in: Ernst

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