Der Rest der Welt: Endenich

Als ich 2008 studienbedingt nach Bonn zog, hatte ich eigentlich absolut keine Ahnung wo man hier hip wohnen könnte. Poppelsdorf klang irgendwie niedlich, in Beuel sah man sofort den Rhein, aber die WG in Auerberg, die ich begutachtete lag ganz schön weit vom Schuss und war auch nicht besonders sympathisch (obwohl sie in ihrer Onlineanzeige damit geworben hatten, dass die Mitbewohner unter der Dusche Bier trinken). Endenich war auch nicht direkt sympathisch gewesen. Die erste potentielle Wohnmöglichkeit, die ich hier besichtigte, war ein extrem feuchter Bungalow im Garten der Vermieterfamilie gewesen, dessen Einrichtung wahrscheinlich original aus den 60er Jahren stammen musste, 40 Quadratmeter groß war und 400 Euro warm kosten sollte.

Letztendlich wurde es mangels Alternativen Endenich, das Ende von Endenich. Hatte der Bungalow noch mitten im ‘Zentrum’ von Endenich gelegen, sitze ich jetzt am äußersten Rand und muss mich regelmäßig verteidigen nicht in Duisdorf zu wohnen. Duisdorf! Wer wohnt denn bitte schon in Duisdorf? Die wurden schließlich erst 1969 richtig zu Bonn. Endenich hingegen schaffte es bereits 1904, hat sich seitdem aber nicht so richtig großstädtisch entwickelt. Bei grob 12.000 Einwohnern ist das auch nicht weiter verwunderlich. Das ist sowieso die Krux an Bonn, viele Stadtteile sind immer noch Dörfer und Endenich in diesem Fall besonders.

In Teilen ist Endenich symptomatisch für Bonn. Alles ein wenig hinter der Zeit und die engen Straßen, durch die die Busse kaum durchkommen und weswegen man in Endenich schlecht Parkplätze findet. Ich meine das keineswegs despektierlich. Vieles kommt mir bekannt vor von da, wo ich herkomme. Traditionskneipen, die niemals schließen werden, neben exotischen Einrichtungen (Shishabar, aserbaidschanisches Restaurant!!!), die jetzt geschlossen haben. Ich hoffe, dass das Café Himmlisch (edit: hier war mal ein Link, aber leider lässt der WDR den jetzt im Nichts branden) das nicht erleben muss. Das Himmlisch ist ein sehr liebevoll eingerichtetes kleines Café. In Endenich gibt es eigentlich alles, also in meinem Teil von Endenich. Es gibt noch einen, der ist näher an Poppelsdorf, in den verirre ich mich nie.

Diese Eisdiele hat schon wieder geschlossen.

Die Buslinien trennen Endenich in die Linien 604,605 und 606, 607. Mein Endenich ist das 606,607-Endenich. Es ist das “Kulturmeilenendenich”, was ich persönlich für einen Euphemismus halte. In anderen Städten wäre ein Theater, ein Programmkino, eine Kabarettbühne, eine Restaurant-Kneipe mit angeschlossenem Konzertsaal, in den wohl 500 Leute passen und ein Irishpub auf einer Strecke von 250 Meter wohl kaum eine “Kulturmeile”? Aber lassen wir den Endenichern ihren Spaß – das Haus der Springmaus ist auch über die Grenzen des Rheinlands bekannt und der WDR veranstaltet in der Harmonie regelmäßig das Crossroads-Festival. Und das Rex-Kino – ein altes (mittlerweile Programm-)Kino aus den 50ern – liebe ich sehr.

Es sind diverse Dinge nach Endenich benannt worden. Es gibt hier eine Burg, wo irgendeine Zweigstelle der Stadtbücherei untergebracht ist, wenn ich das richtig verstanden habe. Es gibt das Endenicher Ei, ein Pseudokreisverkehr, der regelmäßig für Stau sorgt, wenn auf der Autobahn eben dieser ist. Dann ist da eine Grundschule (die aussieht wie die Barackengrundschule, in die ich eingeschult wurde, aber einen ziemlich obercoolen Spielplatz hat), eine Hauptschule (deren Hauptschüler so manche Busfahrt unterhalten) und eine Polizeistelle (die allerdings nur an bestimmten Tagen besetzt ist). Es gibt das Schumannhaus, weil Robert Schumann in Endenich gestorben ist. Begraben worden ist er aber auf dem Alten Friedhof. Neuerdings gibt es einen Bücherschrank und wenn man einen netten Menschen treffen möchte, dann sollte man dringend mal den Obst- und Gemüseladen in der Frongasse ausprobieren – Rheinländer at their best. Die findet man auch in der Shell-Tankstelle neben dem Norma.

Die Endenicher wissen auch zu feiern, allerdings muss man dafür hier wohl wirkliche, richtige Wurzeln haben. Es gibt einen Schützenverein mit Schützenfest (nicht vergleichbar mit Sauerländer Auswüchsen), Karneval natürlich, Weihnachtsmarkt, Kirmes (auf dem Parkplatz der Sparkasse, da findet auch das Schützenfest drauf statt), einen aktiven Fußballverein mit schwarz-gelben-Vereinsfarben und noch irgendwas, aber ich wohne hier nur, ich kenne hier niemanden. Außer die Leute aus dem Ghetto-Netto, die stets miesgelaunten Kassierer und Kassierinnen – mit einer Ausnahme, die wirklich Zucker und Lichtblick ist. Der Netto liegt am nächsten zu meiner Wohnung, mittlerweile habe ich mir aber abgewöhnt da einzukaufen. Schlecht sortiert und mies gelaunt bin ich selbst schon, danke, da kann der nette Kassierer leider auch nichts mehr rausreißen.

Endenich kann aber auch wahnsinnig schön sein, wenn man es schafft, die teilweise hässlichen 80er-Jahre-Bauten auszublenden, finden sich schönste Altbauten, Hinterhofflair anno 1890, Traktoren, weil das Meßdorfer Feld nicht weit ist. Es ist ruhig und man ist relativ schnell im Zentrum, wenn man nicht so faul ist und ständig meint Bus fahren zu müssen. Mit dem Fahrrad geht es schneller, aber weil Endenich auf einem Mini-Hügel liegt für mich auch anstrengend und weil ich nur mit Helm fahre, ich aber nie weiß, wo ich mit diesem Helm hin soll, wenn ich nicht fahre, fahre ich eben nicht. Es sei denn die Busfahrer der Stadtwerke Bonn streiken mal wieder.

Das Meßdorfer Feld reißt einiges raus.

Es gäbe Stadtteile, in denen ich lieber wohnen würde. Die Altstadt von Bonn zum Beispiel, die eigentlich gar nicht wirklich eine Altstadt ist, aber der einzige Teil von Bonn, wo so etwas wie alternativer Lebensflair aufkommt. Für Studenten ist es aufgrund der hohen Kneipendichte natürlich auch interessant und die Innenstadt ist noch näher. Oder die Südstadt, wo die ganzen schönen Altbauten stehen, die aber viel zu teuer zum drin wohnen sind.

Mein Herz hängt nicht an Endenich, aber es gäbe schlimmere Stadtteile…

Disclaimer:
Los ging es hier, dann wurde das daraus, dann ging’s hier weiter und schließlich war man hier und dann dachte ich, ich könnte mal wieder bloggen.

Karin macht übrigens weiter:
Bonn-Niederholtorf

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7 Responses to Der Rest der Welt: Endenich

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  2. exilsoester says:

    Ich mag Endenich. Es hört sich ein wenig so an an, wie “ende nicht”. <3

  3. Naddel says:

    Endenich ist toll. Vor Kurzem fand der erste Martinsmarkt statt und ich gewann beim Losen so allerhand Dinge, höhö :) Das Mittelalterfest ist auch immer wieder sehenswert, besonders wenn man mit Kindern unterwegs ist. Und auch sonst… himmlisch! Aber gut, mein Endenich ist auch schon Neu-Endenich und mit der Linie 610 oder 611 am besten zu erreichen.

  4. Johannes says:

    “Duisdorf! Wer wohnt denn bitte schon in Duisdorf?”

    Ich. (Aber am Rande zu Endenich, immerhin.)

    Schöner Text.

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  7. Lakritze says:

    Dann gibt’s da noch diese Bäckerei Gruhn. Die fand ich so sensationell, daß ich diesen Kommentarstrang glatt wieder aufmachen muß.
    Schöne Ortsteilbeinaheliebeserklärung!

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