Auslese

Ich habe mir keine Vorsätze für das neue Jahr gemacht, finde aber gerade den Gedanken spannend, mich dazu zu motivieren, mindestens ein Buch pro Woche zu lesen. 52 Bücher sollten dieses Jahr machbar sein (vor allem, weil es im letzten Jahr irgendwie nur fünf waren, die ich dann wirklich auslas). Hier also die Auslese von November bis jetzt gerade so.

John Niven – Gott bewahre
Gott ist minimal sauer, weil die Menschen sich einfach nicht daran halten, was er ihnen mitgegeben hat: „Seid lieb!“. Stattdessen…nun, Sie kennen es vermutlich. Gelegentlich fragt man sich da dann ja, warum Gott denn nichts unternimmt. Weil er im Urlaub war, so entschuldigt es zumindest John Niven. Gott war zwar nur eine Woche im Urlaub, aber in Himmelszeit sind das so etwa 500 Erden-Jahre. Womit die Theodizeefrage fast hinreichend beantwortet wäre. Demzufolge ist Jesus auch gerade erst vier Wochen im Himmel als Gott sich überlegt, dass der Herr Heiland mal aufhören sollte ständig mit Jimi Hendrix (der allerdings nach Himmelszeit noch gar nicht allzu lange auf Wolke 7 wohnen dürfte) zu jammen und – viel wichtiger – zu kiffen. Jesus wird also „wiedergeboren“ und landet in Amerika. Und um die Menschen zu bekehren, wählt er einen interessanten Weg: den in die Castingshow. Man sollte für dieses Buch nicht allzu sehr den aktuellen Grundsätzen der katholischen Kirche unterstehen, sonst könnte man schnell darin verfallen für die arme Seele Niven zu beten oder mal die Pius-Bruderschaft bei ihm vorbeischicken. Ansonsten gibt Niven dem etwas naiven Jesus nur eine Botschaft mit „Seid lieb!“ und wenn das so einfach umzusetzen wäre, dann hätten das Buch und das Neue Testament wahrscheinlich ein netteres Ende, aber lesen Sie selbst, ist nämlich auch noch lustig.

Susanne Goga – Leo Berlin: Kriminalroman
Ach ja, sie müssen alle immer so herrlich in die heutige Zeit passen, die Herren Kommissare, die derzeit von mehreren Autoren in die Weimarer Republik zum Ermitteln geschickt werden. Ganz liberal, überzeugte Demokraten (wobei Gideon Rath ja bekennend unpolitisch ist) und immer zur richtigen Zeit mächtig empört. Gelegentlich wünsche ich mir da, dass die kaisertreuen Antagonisten mal die Hauptrolle spielen dürfen. Aber sei es drum, mich kriegt man mit Weimarer-Republik-Krimis eigentlich sowieso immer. Leo Berlin heißt eigentlich Leo Wechsler und ermittelt in einem Mordfall um einen Heiler. Wer der Mörder ist, lässt sich hier relativ schnell ermitteln, weil der Fall auch immer wieder aus seiner Sicht geschildert wird. Wer also einen klassischen Whodunnit sucht (und das sind auch meine Liebsten), sollte es sich vielleicht noch mal überlegen.

Susanne Goga – Tod in Blau
Dieses Mal hat es einen Maler erwischt, der kritische Bilder malt. Susanne Goga schafft eine ziemlich interessante und gut recherchierte Perspektive auf das Leben in Berlin Anfang der 1920er.  Auch dieses Buch arbeitet mit verschiedenen Erzählperspektiven, wodurch auch hier relativ schnell klar wird aus welchem Umfeld der Mörder stammt. Außerdem greift Kommissar Zufall Herrn Wechsler für meinen Geschmack etwas zu häufig unter die Arme. Nebenbei wird ein neuer böser reaktionärer Antagonist eingeführt und die Liebe darf für den verwitweten Herrn Wechsler in Form einer emanzipierten Dame auch mal wieder vorbeischneien.

Susanne Goga – Die Tote von Charlottenburg
Eine tote Ärztin, die auf den ersten Blick auf ganz natürliche Art und Weise zu Tode gekommen ist, auf den zweiten aber nicht so unbedingt. Der Fall ist hochgradig kompliziert und erfordert die Expertise mehrerer Forscher. Hinzu kommt ein wenig fernöstliche Kultur, ein emanzipierter Frauenkreis, Paragraph 218 und die Vermutung, dass eigentlich nur Frauen mit Gift morden. Auch hier hatte ich das Mordmotiv und den Täter relativ schnell ermittelt. Für die Zeit zwischen den Jahren war Herr Wechsler aber ein angenehmer Begleiter.

Christian Fuchs/John Goetz – Die Zelle: Rechter Terror in Deutschland
Es ist alles recht verworren, was man zu den Ermittlungen rund um den NSU hört. Um genauer Bescheid zu wissen, griff ich zur ersten umfassenden Darstellung des NSU. Das ist durchaus informativ, zwischendurch hatte ich aber das Gefühl mit Informationen in eine gewisse Richtung gelenkt zu werden. Das beginnt zum Beispiel mit der Information, dass im ausgebrannten Haus in Zwickau eine Autogrammkarte von Cindy aus Marzahn gefunden wurde oder dass der lastfm-Nickname von einem der Terroristen samt dort gescrobbelter Musik genannt wird. Aus all diesen Stückchen lässt sich mit Sicherheit ein Puzzle zusammensetzen, nur fehlen da dann trotzdem noch einige Teile, eben weil recht wenig über das „private“ Leben der NSU-Terroristen bekannt ist. Und bei allen Ermittlungspannen, die unverzeihlich bleiben, schlägt das Buch gelegentlich dennoch einen oberlehrerhaften Ton an, der zwar gerechtfertigt sein mag, sich aber auch etwas arrogant liest. Die beiden Journalisten, die das Buch geschrieben haben, haben viel Renommée was das Thema anbelangt, es wäre dennoch interessant zu erfahren gewesen, wie sie an ihre Quellen gekommen sind, der Rechercheweg hätte mich durchaus interessiert. Trotz dieser Kritikpunkte bleibt Die Zelle: Rechter Terror in Deutschland ein sehr lesenswertes Buch. Weil ich zur Zeit beinahe täglich die Tagesschau von vor 20 Jahre schaue, in der z.B. der Brandanschlag von Mölln als Terrorakt dargestellt wurde und in der eigentlich ständig über Lichterketten und Solidaritätsbekundungen berichtet wurde, war ich umso erstaunter im Buch folgende Passagen zu entdecken:

Im Februar 1992 führt eine Denkschrift des CDU-Bundestagsabgeordneten Rudolf Karl Krause zu einer bundespolitischen Diskussion. In dem achtseitigen Papier „Deutschlandpolitische Gedanken“ greift Krause Ausländer an und benutzt Begriffe wie „rumänische Zigeuner“ oder „kriminelle Polen“. […] Der CDU-Politiker versucht mit seiner Denkschrift, eine Brücke zwischen den konservativen und den rechtsextremen Parteien zu schlagen. „Die rechtskonservativen Parteien NPD, Republikaner, DVU und die Deutsche Liga sind in ihren Programmen im Wesentlichen verfassungskonform. […] Die rechtskonservativen, von der linken Presse-Mafia als rechtsextrem verunglimpften Parteien müssten sich vereinigen und durch einen großen Zustrom mutiger, aktiver, sauberer, national gesinnter Deutscher in Stadt und Land aufgefüllt werden und programmatisch in der täglichen Politik ausgestaltet werden“, schreibt er.
(S. 58)

und

Auf die Frage, warum Bundeskanzler Helmut Kohl nicht an der Trauerfeier für die Opfer von Mölln teilgenommen habe, antwortet der Sprecher der Bundesregierung am 27. November 1992 bei einer Pressekonferenz, „dass dies nicht möglich sei, da der Bundeskanzler wichtige Termine habe und die Bundesregierung nicht in einen Beileidstourismus verfallen wolle“. In seiner gesamten Amtszeit wird Bundeskanzler Kohl nicht einmal Opfer rechtsextremistischer Gewalt besuchen, sie empfangen oder zu einer Trauerfeier gehen.
(S. 65)

Vielleicht auch so ein Grund, warum man nie wirklich in Betracht gezogen hat, dass die Taten der NSU von Rechtsterroristen begangen worden sein könnten.

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