Eine Landjugend

Inspiriert von Patschbella und dem jawl.

Erst heute morgen sinnierte ich wieder darüber, was besser an meiner Heimat ist. Da ist man Schnee gewöhnt. Ein klarer Vorteil jetzt gerade, sonst aber eher zu vernachlässigen. Vorteile an der Heimat zu finden ist schwierig. Allein das Wort Heimat erweckt in mir kein Gefühl von „zuhause sein, ankommen, sich geborgen fühlen“ (urgs) es ist viel mehr das, was ich durch Heimatfilme über Heimat erfahren habe: alles ist gut, solange man nichts ändert. Der Revolutionär macht Heimat nur kaputt. Ich kann bis heute nicht besonders gut verstehen, warum sich Menschen nach einer angeblichen Heimat sehnen, die ihre Großeltern schon vor 70 Jahren verlassen mussten.

Heimat also. Da, wo ich herkomme, fallen davor die zwei Wörtchen „Glaube“ und „Sitte“. Glaube also, den gibt’s in der Heimat in ausgeprägter Form. Ungetaufte Menschen habe ich erst im Studium kennengelernt. Religion ist in der Heimat wichtig, Protestanten sind komisch. Das sind die, die in der katholischen Grundschule während des Religionsunterrichts in den Ruheraum gesperrt wurden, die Muslime durften hingegen nach Hause gehen (warum und wozu diese Regelung existierte konnte und kann ich nicht so recht verstehen). Das war die Zeit 1995 bis 1999.

Sitte. Sitte ist so unwahrscheinlich wichtig. Menschen, die sich gegenseitig betrügen, sind per se schlimme Menschen. Mit denen redet man nicht mehr, man redet nur noch über sie. Schwule und Lesben gibt es gar nicht und wenn es sie doch geben sollte, dann hat man besser nichts mit ihnen zu tun, denn sie kommen in die Hölle und anfassen sollte man sie auch nicht [es gab mal einen schönen WDR-Film über genau diese Thematik, aber der ist wohl leider der Depublizierung zum Opfer gefallen] und was für verirrte Seelen sind bitte Transgender?  Wie Rainald Grebe in „1968“ so schön singt:

„Vorher waren alle Menschen froh, alle Menschen waren hetero, weil Schwulsein ja eine Krankheit war und da war keiner krank, Gott sei Dank!“

Wenn ich mir das Lied so anhöre, dann passt es auch noch heute auf große Teile der Glaube-Sitte-Heimat-Region. Wo die katholische Kirche das Non-Plus-Ultra ist. Wo man sich weigert, Kinder zu taufen, weil vor der Eheschließung mit einem Nicht-Katholiken nicht beim Pfarrbüro brav und untertänig nachgefragt wurde, ob das denn in Ordnung ist oder weil man auf die kirchliche Trauung verzichtet hat, wo man das arme Mädchen erst an einen Heiden verheiratet, wenn der mit dem Zweiten vatikanischen Konzil vorstellig geworden ist und auch nur, wenn im Gegenzug alle potentiell aus der Ehe entspringende Kinderseelen der Kirche versprochen werden.

Die CDU fährt Wahlergebnisse von bis zu 70% ein, Grundschullehrer finden, dass Kinder mit Migrationshintergrund nicht auf das Gymnasium sollen, weil deren Eltern sie mit Sicherheit nicht unterstützen können. Der alte Mathelehrer kommt mit einer Alditüte und redet vom „Türkenkoffer“. Entweder man ist im Schützenverein oder man ist nichts. Die dörfliche Solidargemeinschaft funktioniert nur in ihren eigenen Grenzen und wer die nicht so recht akzeptieren mag, der wird halt nicht zum Kindergeburtstag eingeladen. Jeder kennt jeden über irgendwelche Ecken. Hat man es sich also mit dem einen verscherzt, dann wird es schwierig, irgendwo anders neuen Anschluss zu finden – die Welt ist hier eben wirklich ein Dorf.

In diesem Klima gibt es natürlich auch Andersdenkende, aber das sind die, die gehen sobald sie können. Und die auch erst mal nicht wieder zurück kommen wollen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. In meiner Heimat ist man Schnee nicht nur gewöhnt, man weiß oft gar nicht mehr, wohin damit (was ich ganz ehrlich meine). In den Dorfbach darf man aufgrund von Überschwemmungsgefahr nie schaufeln. Und obwohl ich meine ersten Fahrstunden damals zwischen Schneebergen absolvierte, welche die Dorfstraße auf einen Dorfweg reduzierten, vermisse ich solche Winter. In Bonn muss man mit ein paar Flocken schon zufrieden sein.

    Wenn ich deinen Beitrag lese, merke ich: Welch Glück, das meine Heimat zwar ein Dorf, aber auch ein Dorf im Osten ist. Religion? Unwichtig. Sitte? Ja, Dorftratsch gibt es immer, schließlich will man wissen, warum da ein „Wessi-Auto“ bei den Nachbarn parkt… Aber man muss nicht heiraten und darf unehelich Kinder bekommen. Ich bin ein ungetaufter Bastard. Und das ist legitim.

    Was ich am schönsten finde, ist der Aberglaube im Dorf und deswegen hier mal kurz die Geschichte vom „Hexentisch von Beyersdorf“, der einer alten Frau gehörte (sie sagte auf ihm die Zukunft voraus) und schweben konnte. Nach ihren Tod fuhr mein Vati mit dem Erben der Frau zum Haus und sie nahmen einige Sachen mit. Auch den Tisch. Doch als der Tisch beim Erben ausgeladen werden sollte, überlegt der es sich anders: „Weißt du was, nimm du ihn mit…“ und seit dem gehört in den Besitz meiner Familie ein echter Hexentisch.

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