Schulgottesdienst

Wir saßen im Schulgottestdienst. Es war Fastenzeit und wir neun oder zehn. Vorne redete der Priester, wir hatten schon Laudato si gesungen aus dem blauen Buch, das bei Kindergottesdiensten immer auslag. Die Lieder waren auch besser als die, die man im „richtigen“ Gottesdienst sang. Laudato si aber, das war schon jetzt klar, hatte das Potential wahnsinnig zu nerven. Dass einige von uns es in etwa zehn Jahren, dem Bewusstseinsverlust bedenklich nahe, in einer mallorquinischen Großraumdisko mit leicht abgewandeltem Text gröhlen würden, daran dachten wir damals nicht.

Stattdessen saßen wir auf der wahnsinnig unbequemen Kirchenbank in der kalten Kirche. Es war noch viel zu früh und dieses Mal war die „Paraklasse“ dran mit den Fürbitten. Manchmal wünschten sich einige von uns evangelisch zu sein. Die hatten an unserer katholischen Schule keinen Schulgottesdienst und konnten alle 14 Tage etwas länger schlafen.

Dafür waren die Evangelen nicht zur Kommunion gegangen, hatten im Mai also kein neues Fahrrad vor der Tür und: sie durften die Hostie nicht essen. Das war quasi das Highlight eines jeden Schulgottesdienstes. Aufstehen, Hostie abholen, hinknien, nachdenken. Wir waren nämlich schon groß und keine Drittklässler mehr, die vom Priester nur ein langweiliges, unsichtbares Kreuz auf die Stirn gemalt bekamen.

Es war wieder soweit. Vorne bauten sich Küster und Priester auf und wir reihten uns ein in die Schlange. Man hatte uns im Kommunionsunterricht beigebracht, dass das da wirklich Jesus wäre, den wir da essen würden. Unsere Relilehrerin hatte uns damals vor unserer Erstkommunion in der Sakristei scherzhaft geraten nicht allzu fest zuzubeißen, das täte Jesus bestimmt weh. Gleichzeitig erzählte man uns, dass man die Hostie früher nie in die Hände bekam, sondern sie der Priester direkt in den Mund legte. Eigentlich auch ganz praktisch.

In der Reihe vor mir waren die coolen Jungs. Sie kicherten leise und warfen sich „coole“ Blicke zu. Ich bekam meine Hostie, bekreuzigte mich und kniete auf dem knorrigen Holz der Kirchenbank nieder, dachte an Gott und was ich ihm sagen wollte. Die coolen Jungs vor mir kicherten immer noch still und leise.

Der Gottesdienst war vorbei, wir gingen durch die kleine Stadt zur Grundschule, hatten Deutsch und Mathe und dann Pause. Plötzlich gab es mächtig Ärger. Niemand hatte eine Milchtüte hinter der Heizung versteckt, es war niemandem ein Kaugummi in die Haare geflogen und geprügelt hatte sich auch niemand. Aber irgendjemand hatte es fertig gebracht, Jesus während des Schulgottesdienstes in die Butterbrotdose zu sperren.

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