Zutatenliste für einen Historienfilm

Man nehme:

– ein möglichst ungleiches heterosexuelles „Übermenschen“-Pärchen. Besonders gut ist die Kombination verzogene, freiheitsliebende Tochter aus gutem Hause und Underdog (klappt mindestens seit Titanic und Titanic hat Oscars gewonnen!). Die Frau muss dringend aus Versehen schwanger werden, etwas damit hadern und sich schließlich aber für das Kind entscheiden. Wichtig ist desweiteren, dass das Pärchen als moralisch absolut korrekt dargestellt wird, es darf an seinem immer gemeinsamen Handeln nicht zweifeln. Am Ende muss übrigens nicht alles wieder gut werden, war bei Titanic ja auch nicht so. Aber sie kriegt das Kind!!! Das symbolisiert nämlich Hoffnung und Zukunft und außerdem lebt er in dem Kind weiter!!!

– eine schlimme Geschichte aus der Vergangenheit, die mindestens einen Protagonisten bis heute belastet (gerne können hier auch Inzest-Themen aufgegriffen werden, die sich am Ende des Films als vollkommen unbegründet herausstellen). Im besten Falle belastet dieses Ereignis aber den männlichen Protagonisten, um den Selfmade-Charakter zu unterstreichen, generell darf der Underdog eigentlich keine wahren Freunde haben.

– Hilflose Frauen mit Kindern müssen in dramatischen Situationen ins Bild gerückt werden und vom Underdog, der sein eigenes Leben riskiert, gerettet werden.

– einen Holzhammer.

– ein möglichst zugekleistertes Drehbuch, die Protagonisten müssen Gutmenschen-Stereotypen erfüllen, die Antagonisten Schlechtmenschen-Stereotypen, weswegen man alles nur andeuten, aber nicht zu Ende erklären kann.

– Geschichtliche Atmosphäre kann gerne durch Musik erzeugt werden. Natürlich muss das Ganze sprachlich in einen Kontext gesetzt werden, das bedeutet, wenn man Swingmusik spielt, dann müssen als konservativ dargestellte Menschen reflexartig „N-Musik!!!“ schreien.

– Steuert die Handlung auf ein vermeintlich wichtiges Historisches Ereignis entweder in Form eines Unglücks (Reichstagsbrand, Nazis, Hindenburgexplosion, Mauerbau) oder eines Glücks (Ende des Zweiten Weltkriegs, Luftbrücke, Mauerfall) zu, ist es sehr wichtig, dass sämtliche Protagonisten schnellstmöglich an den Ort des Geschehens eilen und am Ausgang von diesem mindestens in einer Nebenrolle beteiligt sein müssen.

– Zeitgenossen sollten immer die Zukunft haargenau voraussagen können („Deutschland wird wiedervereint werden!“ „Deutschland wird anders aussehen!“). Teleologie FTW!

– Tragische Momente gehen spätestens seit Schindlers Liste nicht mehr ohne den epochalen Einsatz von Streichinstrumenten.

– Im Anschluss senden wir noch tolle Dokus zum Thema und machen vielleicht noch ne Gesprächsrunde.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da lief gestern _ernsthaft_ Anne Will zum Thema „80 Jahre Nazis, wie finden sie das/waren ihre Eltern dabei?“?!

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