Historical fiction repeats itself

Aufmerksamen Lesern dieses Blogs könnte unter Umständen aufgefallen sein, dass mein Jahresvorsatz auch in diesem Jahr grandios in der zweiten Woche gescheitert ist. Das liegt in erster Linie daran, dass ich mir gleichzeitig vornehme, keine Vorsätze zu haben, sodass sich theoretisch immer mindestens ein Vorsatz, den ich fasse, erfüllt und – zum anderen – hatte ich mir da auch ein Buch ausgesucht, das es in sich hatte. 

Es ist einigermaßen ambitioniert in einer Woche einen dichtbedruckten Wälzer von 1024 Seiten lesen zu wollen. Ich würde aber nicht bestreiten, dass es nicht machbar ist. Wenn einen das Thema interessiert (Check!), man Zeit hat (eher nicht so Check!) und das Buch gut ist (und hier hätten wir dann das Problem).

Winter der Welt, geschrieben von the Godfather of Geschichtsbelletristik himself: Ken Follett, ist für mich extremst unerträglich gewesen. Wirklich schrecklich. Es war wie diese historischen Fernsehfilme, nur dass die nach spätestens 180 Minuten oder dem dritten Teil der Saga meist vorbei sind und mich mit einem einigermaßen degenerierten Gehirn zurücklassen. Herr Follett hat sich aber ein relativ ambitioniertes Projekt ausgedacht.

Er will die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts mittels vier Familien – die auch noch über Kontinente hinweg verbunden sind – erzählen. Soweit, so konstruiert. Die weitere Problematik an der Geschichten, die sich gerne eines historischen Holzhammers bedienen, ja nicht vorbei kommen, ist, dass man geschichtliche Ereignisse irgendwie unterbringen muss. Und wenn einem der Leser schon glaubt, dass – wie durch Zauberhand – alle vier Familien aus Großbritannien, den USA, Russland/Sowjetunion und Deutschland irgendwie alle was miteinander zu tun haben (und sei es nur, dass die Tochter des jüdischen Arztes der deutschen Familie im Exil bei der Tochter des in die USA eingewanderten Sohns der russischen Familie ist), warum sollen dann nicht auch alle vier Familien zu gleichen Teilen am Ausgang von bedeutenden historischen Ereignissen (Angriff auf Pearl Harbour, Spanischer Bürgerkrieg, irgendwas mit Stalin, Widerstand, Augenzeuge des Reichstagsbrandes) zu tun haben? Nebenbei noch eine Prise Gesellschaftskritik, damit man auch lernt: früher war ja alles viel schlimmer!

Das geht auf 300 Seiten, auf 1024 habe ich mich dann irgendwann dazu entschieden nur noch die Geschichten zu verfolgen, die mich wirklich interessierten. Klappt auch ganz gut, Follett versteht es immer wieder, in Nebensätzen zum xten Mal darauf zu verweisen, dass der und der ja das und das wirklich – Krassomat, Alter! – gemacht hat. Aber selbst da wird es irgendwann schmonzettig. Natürlich muss irgendjemand sterben – meist aber jemand, den man wirklich verschmerzen kann. Und uneheliche Kinder natürlich! Die gehen immer!

Vielleicht wäre es auch besser gewesen, den ersten Teil der Trilogie zu lesen – auf der anderen Seite werden die wichtigen Ereignisse aus diesem Band dann wohl doch noch mal genug aufgewärmt, um auch den zweiten Teil gut zu verstehen.

Das Schlimmste an der Ganzen Sache ist aber, dass man mit ein wenig Sachkenntnis eh weiß, was auf den nächsten 300 Seiten noch so alles passieren wird. Die rebellische US-Ehefrau des britischen Adeligen wohnt in London? Fährt während The Blitz garantiert nicht aufs Land, wäre für die Story ja schlecht. Es fällt irgendwo der Name Kardinal von Gahlen, katholische Kirche? 50 Seiten später kämpft ein mutiger Katholik gegen das Euthanasie-Programm der Nazis.

Das war mein erster Ken Follett und wahrscheinlich auch mein letzter. Gelegentlich wünsche ich mir wirklich mal eine literarische Verarbeitung des 20. Jahrhunderts mit Figuren, die in kein schwarz-weiß/gut-böse Schema reinpassen. Würde ich auch 1024 Seiten zu lesen…

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Fall of Giants gelesen zu haben ist dafür nicht unbedingt nötig, der Generationenunterschied zwischen den beiden Weltkriegsgenerationen ist dafür zu groß. Hat aber dafür, zumindest am Anfang, ein leicht charmantes bis diffuses Dowton-Abbey-Flair.

    Generell ist Follett aber in seinen großen historischen Romanen immer sehr stereotyp gewesen, angefangen mit den Säulen der Welt damals. Immer sind es aus der Zeit gefallene sehr progressiv denkende und höchstpatente junge Leute, die sich gegen das irgendwie skizzierte Böse wenden müssen. Gerade in den beiden Mittelalter-Dingers, Säulen und World Without End, fällt das irgendwann sehr merkwürdig auf, sehr böse gesagt, ist er der intellektuelle Vorläufer der Wanderhuren. Bei seinem Century-Dingens kann man wenigstens noch sagen, dass die durch die gesellschaftliche Entwicklung ein Vokabular haben. Man merkte ja durchaus, wie sehr ihm die Ursprünge der britischen Labour-Party dort am Herzen liegen.

    (Aber wenn man ihn als Popcorn-Kino in Buchform nimmt …)

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    • Zur britischen Vor-2.-Weltkriegs-Geschichte habe ich übrigens die Neu-Auflage vom Haus am Eaton Place sehr, sehr, sehr geliebt… ;).

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  2. 3 Mal den Kommentar angefangen und wieder gelöscht :) (Was will ich eigentlich sagen?)

    Ich war 20 als die Säulen der Erde erschien und habe es verschlungen und war restlos begeistert. Das war 1990. Eine andere Zeit und andere Generation. 20 Jahre später habe ich dann die Fortsetzung gelesen und war unglaublich enttäuscht. Dummerweise meine ich mich zu erinnern, dass Die Säulen der Erde nicht anders war und lese es deshalb nicht wieder, denn ich befürchte, dass ich sehr enttäuscht wäre und dieses Buch plötzlich seinen Glanz verlieren würde.

    Deshalb kann ich leider deine Kritik verstehen und ich selber lese auch keinen Ken Follett mehr.

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  3. Pingback: Zusammenfassung der Woche ab 20.05.2013 | IronBlogger Bonn

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