Warum Tim Bendzko symptomatische Lieder macht

Ich fuhr eben mit dem Auto über die Autobahn und da ich schon alle drei Monate einen Beitrag u.a. für mein Autoradio entrichte, dachte ich, wäre es auch angebracht dieses zu nutzen und stellte WDR2 ein, weil auf WDR5 die Bärenbude lief und 1LIVE mich in letzter Zeit sehr oft aufgeregt hat.

Auf WDR2 lief Musik. Es klang nach Tim Bendzko – ein kurzes googlen des gesungenen Liedtextes bestätigte meine Vermutung dann auch. Tim Bendzko, der vor zwei Jahren mal die Welt retten wollte, es aber irgendwie nur bis zum Zigarettenautomaten schaffte, oder so. Abgesehen davon, dass mir der Text dieses Liedes relativ schnell, relativ stark auf die Nerven ging und eigentlich nur von Philipp Poisel übertroffen wurde – vergaß ich Tim Bendzko so gut es ging.

Bis eben. Eben lud sich Herr Bendzko eine ordentliche Menge meines Grolls auf. Er hat nämlich ein neues Lied und wohl auch ein neues Album. Dieses neue Lied heißt „Programmiert“. Ich war schon verwundert, dass Herr Bendzko uns (denn ich glaube, dieses Lied soll gesellschaftskritisch sein) in Einsen und Nullen aufteilt (haha, ja, hab ich auch mal gehört, das mit diesem Binärcode, was das ist, keine Ahnung, aber halt voll nerdig und so, ich schreib’s halt mal auf). Beim Refrain:

Denn ich bin programmiert,
oho, ich bin eigentlich nicht hier.
Oho, ich bin an zwei verschiedenen Orten zur selben Zeit
und das absurde daran ist, ich bin nicht alleine hier,
oho, wir sind alle programmiert.

war ich kurz davor in irgendeine Mauer zu rasen. Nein, ich bin nicht programmiert, Herr Bendzko. Ich bin auch nicht an zwei verschiedenen Orten zur selben Zeit, ich bin immer nur da, wo ich gerade bin. Das Internet ist für mich ein Kommunikationsmedium, das mir erlaubt, Grenzen, die früher schwierig zu überwinden waren, mal eben links liegen lassen zu können.

Es geht aber noch weiter. Diese armen Menschen im Internet, die sind emotionslose, stumpfe Wesen, die nicht mal mehr das Sonnenlicht kennen:

Wie fühl´n sich echte Sonnenstrahlen an?
Ich weiß es nicht mehr!
Wie fühlt sich echte Nähe an?
Ich weiß es nicht mehr!
Wie fühlt sich das echte Leben an?
Ich weiß es nicht mehr!
Wie fühlt sich echte Liebe an?
Ich weiß es nicht mehr!

Echte Liebe – sowas kann man im Internet nicht finden. Ja, schlimm. Ich glaub, ich gehe mal eben kurz sterben. Oder ich bastel mir ein Fake-Profil, um Jungs klar zu machen (noch sowas, was im Songtext vorkommt – natürlich aus männlicher Perspektive). Abgesehen davon kritisiert Herr Bendzko natürlich auch das Trollen, aber nicht besonders differenziert

Heute bin ich digital, extrem kritisch und mitteilsam.
Was ich denke, das wird auch gesagt,
mir is egal ob man nach meiner Meinung fragt.

Wirklich echt schade, dass es freie Meinungsäußerung gibt. Aber wenn das schon von jemandem gesungen wird, der praktisch meine Altersklasse ist, dann ist es wohl auch kein Wunder, dass das mit diesem Internet generell schwierig ist hier. Unn dann betritt dieses Neuland vielleicht nicht bloß eine fast 59-jährige Physikerin, sondern auch ein 28-jähriger Singer-Songwriter. [Denken Sie sich hier bitte eine beliebige Leserbrieffloskel à la „armes Deutschland!“ hin.]

Wenn Sie sich dieses schöne Lied anhören möchten: geht. Auch bei Youtube. Der gebührenfinanzierte Rundfunk hat Herrn Bendzko nämlich zu einem Live-Einsingen seines Songs bewegen können. Und jetzt ist er – in Einsen und in Nullen – im Netz. Wahnsinn:

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Webgedöns – Diverse Kalenderwochen 2013 | Ach komm, geh wech!

  2. Pingback: Blogantworten VI | Leben im 21. Jahrhundert

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.