Auftragsbloggen

Es ist ja kein großes Geheimnis, dass meine Studienstadt Bonn ist und dass ich hier Geschichte studiere. Weil Anke Gröner gerade überlegt ihr Studienfach zu wechseln und an der LMU München Geschichte zu studieren, guckte ich mal wieder im Self-Assessment-Center der Uni Bonn vorbei. An der LMU München gibt es nämlich für alle BAs einen Eignungstest (durch den ich höchstwahrscheinlich durchgefallen wäre, Anke hat mir die Fragen, die sie im Kopf behalten hat – und das sind einige, ich habe Hochachtung vor deinem Gedächtnis! – geschickt). An der Uni Bonn ist dieser Eignungstest nicht verpflichtend, sondern freiwillig – was schon mal gut ist. Gut ist allerdings auch, dass es den vor meinem Studienbeginn noch nicht gab; ich hätte mir sonst vielleicht noch mal überlegt, hier zu studieren. Wie sieht dieser Assessment-Test nun aus? Grundsätzlich: jeder kann ihn machen. Für viele Fächer an der Uni gibt’s nen Self-Assessmenttest und in meinem Kurzzeit-Anglistikstudium hätte er mir sogar im voraus geholfen. Ich hätte mich aufgrund des hohen Linguistikanteils in Bonn nämlich garantiert schon vor Aufnahme des Studiums gegen das Nebenfach Anglistik entschieden (ein weiterer Punkt wäre ein IELTS oder TOEFL-Test gewesen, den ich aber glücklicher Weise schon hatte, mittlerweile ist der Nachweis auch nicht mehr erforderlich).

Auf Wunsch einer bestimmten Internet-Kunstfigur blogge ich dann jetzt mal über diesen Test. Zunächst mal nur über meinen Fachbereich, die anderen folgen evtl. später.

Geschichte
(Link führt zum Assessment-Test ohne Registrierung)
Zuerst geht es los mit einer allgemeinen Abfrage über die Erwartungen an das Studium. 2008 hätte ich etwas blauäugiger geantwortet, jetzt weiß ich aber, was man hören will, deswegen kann ich schön brav sagen, dass ich einen hohen Workload erwarte, dass ich nicht glaube, dass das Studium eine Fortsetzung des Geschi-LKs ist und dass es nicht bloß um das Auswendiglernen von Daten geht. Daher vermeldet das Assessment-Center, ich hätte 22 von 24 erreichbaren Punkten erhalten:

Ihre Erwartungen entsprechen damit weitgehend auch dem, was im Studium der Geschichtswissenschaft auf Sie zukommen wird.

Außerdem bekomme ich noch Informationen über eine „durch den Wissenschaftsrat 2006 publizierte Studie“, die behauptet, dass „die Berufsaussichten für Geisteswissenschaftler insgesamt als gut einzuschätzen“ seien. Na, denn. Weiter geht’s. Erstmal wird die Allgemeinbildung abgefragt.

Wo sitzt die UN, ein paar Bibelfragen, Literatur, Geographie, sogar eine Wirtschaftsfrage und auch eine Naturwissenschaftsfrage darf ich beantworten. Ich erziele im zweiten Anlauf 19 von 20 Punkten, was mir eine Lobhudelei einbringt und:

In dieser Hinsicht bringen Sie beste Voraussetzungen für ein Geschichtsstudium an der Universität Bonn mit. Man kann Sie nur bestärken: Informieren Sie sich weiterhin so umfassend, wie dies bisher geschehen ist.

Beim letzten Versuch waren es nur 18 von 20 Punkten, sodass ich zum Auftrag bekam, regelmäßig eine ausgezeichnete Tageszeitung zu lesen. Aber mit so einem Wissen kann man ja höchstens bei Günther Jauch brillieren, also, los geht’s in die Wissenschaft. Endlich mal Uniluft schnuppern!

Der Test zum Leseverständnis ist so aufgebaut, dass man drei Texte Aufgaben lesen muss und bei jedem Text jeder Aufgabe maximal zwölf Punkte erreichen kann. Es beginnt mit einem Auszug aus einer Rede Winston Churchills die Unconditional Surrender (Link nicht klicken, wenn man den Test selbst noch machen möchte) betreffend. Die Rede ist nicht übersetzt und ich lese halbwegs aufmerksam. Wie bei allen Netztests, die schreiben, man solle sich Zeit genug nehmen, ignoriere ich diesen Rat, lese einmal drüber und klicke dann.

Jetzt werden Behauptungen aufgestellt, die man entweder bejahen oder verneinen muss. Klappt halbwegs. Weiter geht’s mit Text zwei, einem Text zum Thema Päpste (interessant wie stark hier Wissen über die Christenheit abgefragt wird), der eine interessante Mischung aus Antike und Mittelalter darstellt. Allerdings interessiert es mich nicht besonders, weswegen ich ihn leider nur überfliege (aber, hey, ich hab den BA schließlich auch schon!). Auch hier werden im Anschluss wieder mal Fragen zum Text gestellt, die ich dieses Mal leider nicht so besonders gut beantworten kann, weil ich den Text zwar gelesen habe, währenddessen aber nicht besonders aufmerksam für das war, was ich da gelesen habe (ich bin anscheinend nicht multitaskingfähig). Danach kommt eine Tabelle. Ich hasse Tabellen. Genauso hasse ich historische Landkarten und ich sehe es beim besten Willen nicht ein, diese Tabelle aufmerksam zu studieren. Echt nicht. Auch wenn ich mich eigentlich schon für die Industrialisierung interessiere. Dementsprechend kann ich auf der folgenden Seite auch nicht erklären, was sich verdoppelt, verdreifacht oder sonstwas hat – ich könnte es aber, wenn ich im Seminar säße und das Blättchen vor mir liegen hätte (ganz doof bin ich ja auch nicht). Und das Geschichtsstudium besteht zwar zu Beginn aus Klausuren, wie sinnvoll die sind, frage ich mich aber seit dem ersten Semester.

Im ersten Anlauf rassel ich durch und bekomme gesagt, dass mein Textverständnis unter aller Sau sei. Beim zweiten Mal, weiß ich natürlich, was gefragt wird und schaffe es, obwohl ich mich für die Tabelle immer noch nicht erwärmen konnte, auf halbwegs respektable 20 von 36 Punkten (nein, in einer Klausur fände ich das nicht respektabel). Netter Weise wurde mir bei meinem Durchrassel-Test aber die Empfehlung gegeben, dass man am Textverständnis durchaus arbeiten könne.

Weiter geht’s zu „Interessen und Neigungen“. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich hoffe, relativ wenig mit Antike und Mittelalter zu tun zu bekommen, gebe zu, dass ich die Fremdartigkeit anderer Epochen total groovy finde und sage, dass ich mich vor allem für Politikgeschichte sowie Alltags- und Kulturgeschichte interessiere. Dann will das Assessment-Ding wissen wie viele Stunden ich jede Woche lese, es ist ihm egal was. Ich zähle Twitter mit und antworte „Mehr als 15 Stunden“. Dann darf ich noch sagen, welche Teilbereiche ich im Studium lieber vermeiden würde. Die Wahl fällt auf „Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ und „Mittelalter“. Damit sammele ich 5 von 19 Punkten. Ich bin also an der vollkommen falschen Universität gelandet.

Zuletzt wird mein „Historisches Überblickswissen“ abgeprüft. Dabei merke ich, dass aus meinen ersten beiden Semestern so gut wie nichts übrig geblieben ist. Alle Einführungsklausuren war Multiple Choice-Bulimie-Lernklausuren. Ich meine einige Fragen wieder zu erkennen, kriege aber leider die Antwort nicht mehr auf die Reihe. Deswegen rate ich teils munter vor mich hin. (Interessanter Weise kann ich die Mittelalter-Fragen recht gut beantworten, habe die Einführungsklausur aber auch schwieriger im Kopf als die Fragen, die ich hier gestellt bekomme). Fragen sind beispielsweise: „Wer begründete das abendländische Kaisertum?“ oder „Was wurde durch den Westfälischen Frieden beendet?“. Bei der Ergänzungsfrage „August der Starke war Kurfürst von Sachsen und …“ nehme ich aus den vier möglichen Antworten einfach mal aus heutiger geographischer Nähe heraus „König von Polen“ (was wohl auch richtig ist, vielleicht ist das auch eine Antwort, die nur mein Unterbewusstsein noch auf dem Kasten hat). Bis, ja bis dass diese Frage kommt:

„Die weit verbreitete Unterschätzung des Nationalsozialismus ist damit zu erklären,

  • dass Hitler an keiner Stelle eine Äußerung getan hatte, die Aufschluss über seine wahren Ziele gegeben hätte.
  • dass man Hitler und seine zunächst nur zwei nationalsozialistischen Mitstreiter im Reichskabinett eingerahmt sah von acht anderen, nichtnationalsozialistischen Ministern.
  • dass die Nationalsozialisten groß angelegte soziale Programme (Kraft durch Freude- Reisen etc.) ankündigten.
  • dass schon die Regierungen der Weimarer Republik rechtsstaatliche Kategorien abgeschafft hatten, Hitler also nichts Neues tat.“

Ich finde zwei Antworten plausibel, wenn ich voraussetze, dass ich vielleicht ein LK-Schüler mit Interesse an einem Geschichtsstudium bin (und ich habe die falsche der beiden mir plausiblen Lösungen angeklickt). Die Fragen davor basierten auf „Faktenwissen“ jetzt wird m.M. Rezeptionswissen abgefragt. Immerhin schaffe ich hier auch okaye 22 von 26 Punkten. Mein Überblickswissen ist also bereits „ansprechend“. Gleichzeitig kriege ich noch vier Standardwerke zur Einarbeitung empfohlen. Danach darf ich noch Angaben zu mir machen, wenn ich will, ich muss aber nicht – also lasse ich es.

Am Ende darf ich mir die Komplettauswertung meines Tests anschauen und merken, dass ich wirklich Defizite in punkto Antike habe. Sonst hätte mich dieser Test aber wahrscheinlich von einem Geschichtsstudium abgeschreckt. Dabei ist das gar nicht so schlimm. Ich hab es gern studiert und studiere es auch noch gerne. Dass ich an meinem Institut meinen Interessen nur bedingt nachgehen kann, ist mir dann auch irgendwann aufgefallen, aber eigentlich fand ich mein Studium bislang auch nicht uninteressant und – obwohl ich die Frage zum NS-Regime falsch beantwortet habe, war meine Bachelorarbeit zu einem NS-Thema dann doch sehr ordentlich. Ich merke mir: Selfassessments zu Studiengängen schrecken mich eher ab, weswegen ich das doch besser sein lassen sollte. Und Eignungstests für Studienanfänger sind in meinen Augen nicht besonders zielführend, weil sie kaum bis gar nichts über die Eignung eines Menschen zum Studium aussagen können, weder durch Abfrage von Faktenwissen, noch durch Motivationsschreiben, noch durch einen NC. Wie man es anders machen könnte, weiß ich aber auch nicht.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auch andere Antworten waren einigermaßen zweifelhaft. Keineswegs einfaches Faktenwissen, sondern interpretationsfähige (und -bedürftige) Fragen und Antwortmöglichkeiten. Aber bei der Hitler-Frage fällt es natürlich besonders auf. Da könnte man mindestens ein ganzes Buch drüber schreiben, in dem man zuerst mal klären müsste: Hat eigentlich wirklich irgendjemand den Nationalsozialismus unterschätzt? Wer denn? Und woher wissen wir das? Denn zu den bezeichnendsten Phänomenen des Nationalsozialismus gehört ja das ex-post-Exkulpationsbedürfnis der Eliten, die zwar immer gegen die Republik, aber doch nie für die pöbelhaften Nazis gewesen sein wollten. Aber schön, wenn man durch so einen Test sichergehen kann, an einer Uni zu studieren, wo es noch einfache Antworten zum einpauken und runterbeten auf selbst die schwierigsten Fragen gibt. ;)

    Ich bin wie Du skeptisch über den „Erfolg“ solcher Maßnahmen. Ich kann aber das Interesse der Fakultät verstehen, Leute vom Geschichtsstudium abzuschrecken, die nicht „die nötigen Voraussetzungen“ mitbringen, was auch immer das heißen soll. Denn eine hohe Abbrecherquote kann sich negativ auf die Mittel auswirken, die ein Fach bekommt („leistungsorientiert“). Sicherlich unbeabsichtigt – aber nur durch tiefere Reflektion vermeidbar – ist der Effekt, Studienanfänger mit „besonderen“ sozialen Hintergründen abzuschrecken. Mit „besonderen“ sind alle gemeint, die nicht aus einem wohlhabenden Akademikerhaushalt ohne Migrationshintergrund und sonstige Probleme stammen.
    In Bonn kümmert man sich aber immerhin auch um eine Minderheit: Katholiken werden nicht, wie in der deutschen Geschichtswissenschaft sonst üblich, durch preußisch-protestantische Schwerpunkte gedisst, sondern eher gefördert, etwa durch Papsttumsfragen.

    Vielen Dank für den Erfahrungsbericht!

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  2. Schön, dass es solche Tests gibt. Besser als nichts. Ich habe mein Studium 1985 begonnen. Es gab keine Hilfe am Gymnasium – und auch sonst nichts. Ja, ein fettes Buch der Arbeitsagentur, in dem alle Studiengänge lieblos beschreiben wurden. Das war´s.

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  3. Ich korrigiere mich: Natürlich halte ich diese Tests für wenig hilfreich. Gut wäre, wenn sich z. B. einige wenige Lehrer am Gymnasium mit dem Schüler und evtl. auch den Eltern für 2 Stunden zusammensetzen würden. Ich denke, das wäre wirklich sinnvoll. Vielleicht passiert das ja auch an diversen Schulen, weiß ich nicht.

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    • Ich hatte an meinem Gymnasium die Möglichkeit monatlich zum Berufsberater zu gehen, der auch immer in die Schule gekommen ist. Das war sehr gut, er hat mir viele Möglichkeiten gezeigt und mich auch immer im „unsicheren“ geisteswissenschaftlichen Studium bestärkt. Kann mir aber vorstellen, dass das nicht überall so läuft.

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