Was ist des Deutschen Königskind?

Da die Mountbatten-Windsors sich gerade wieder personell erweitern, finden sich in deutschen Tageszeitungen immer mal wieder Artikel darüber, wie „deutsch“ die britische Adelsfamilie denn nun ist und dass das neueste Familienmitglied ja auch ein paar Tropfen deutsches Blut abbekommen dürfte (kann mal bitte ein Biologe erklären, dass es sowas wie „deutsches Blut“ gar nicht gibt?).

In der Tat ist es so, dass die aktuelle Royal Family der Briten ein paar „deutsche“ Vorfahren zu bieten hat. Ob man die aber tatsächlich als „Deutsche“ bezeichnen kann, darüber kann man sich sehr gut streiten, denn: als im Jahre 1714 Georg I. von Braunschweig und Lüneburg (ein paar weitere Titel hatte er auch noch) den Thron von Großbritannien und Irland bestieg, gab es noch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Heiliges Römisches Reich? Zwar kommt das Wort „Deutsch“ auch mal vor, aber, um mal die Wikipedia zu zitieren:

Aufgrund seines vor- und übernationalen Charakters entwickelte sich das Reich nie zu einem Nationalstaat oder Staat moderner Prägung, sondern blieb ein monarchisch geführtes, ständisch geprägtes Gebilde aus Kaiser und Reichsständen mit nur wenigen gemeinsamen Reichsinstitutionen.

Will heißen: die Wahrscheinlichkeit, dass sich Georg I. als „Deutscher“ empfand, dürfte eher gering gewesen sein. Georgs Urururenkelin Victoria sprach Deutsch, weil sie eine „deutsche“ Mutter hatte. Auch hier ist die Bezeichnung „Deutsch“ eher schwierig, weil das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 aufhörte zu existieren und danach zwar ein Wunsch nach Einigkeit und Recht und Freiheit entstand, man von einer „deutschen“ Nation tatsächlich aber erst mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 sprechen kann. Als Victoria 1819 geboren wurde, war der Wiener Kongress – und damit die Neuaufteilung Europas – gerade mal vier Jahre her und „Deutschland“ bestand immer noch aus einem Flickenteppich an souveränen Einzelstaaten.

Nun heiratete aber eben jene Victoria Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, also jemanden aus einem deutsch-sprachigen souveränen Einzelstaat. Sollte mit „Deutsch sein“ irgendwelche Werte verbunden sein, so macht zumindest Victorias Enkel Wilhelm II. deutlich, dass „Deutsch sein“ in Großbritannien dann etwas anders aussehen dürfte. Wilhelm soll zwar der Lieblingsenkel Ihrer Majestät gewesen sein, seine Mutter, die britische Prinzessin Victoria (kreativ sind diese Adeligen in ihrer Namensgebung ja nie gewesen) sah aber schon in den Erziehungsidealen in Großbritannien und Preußen große Unterschiede:

„Ich zittere bei dem Gedanken, wie meine heranwachsenden Jungen sich schließlich entwickeln werden. Die Verhältnisse hier und ein preußischer Hof scheinen ja geschaffen, um die Schwächen besonders zu nähren, die mich an meinem Willy so oft kränken […] Unsere Kinder werden allgemein ob des großen Missgeschicks bedauert, mich mit meinen ‚unglücklichen englischen Ideen und unpreußischen‘ Gesinnungen zur Mutter zu haben. Die Leute glauben, sie könnten nicht gut geraten […]. Ich will nur, dass meine Kinder aufwachsen gleich meinem Fritz, meinem Vater, gleich Dir und so unähnlich als möglich dem Rest der königlich-preußischen Familie.“ (Herre, Franz, Kaiserin Friedrich – Victoria, eine Engländerin in Deutschland, Stuttgart 2006, S. 157f, Zitat für den Blogeintrag ungeprüft aus der Wikipedia übernommen.)

Im Ersten Weltkrieg entledigten sich die „Deutschen auf dem britischen Thron“ dann ihrer deutschen Titel. Der aktuelle König Georg V. sprach auch schon Englisch ohne deutschen Akzent. Dummer Weise hatte er mit Maria von Teck eine Deutsche geheiratet, die während des Krieges bei der britischen Bevölkerung natürlich nicht so besonders gut ankam. Dadurch, dass seine Großmutter Victoria ihre Kinder mal eben über Halb-Europa verheiratet hatte, führte Georg V.  Krieg mit seinem Cousin (Zar Nikolaus) und gegen seinen Cousin (Wilhelm II.). Um sich deutlich vom Cousin und den vermeintlichen deutschen Wurzeln zu distanzieren wurde am 17. Juli 1917 das Haus Windsor proklamiert und die deutschen Adelstitel abgelegt.

Als Georgs Enkelin Elizabeth II. 1947 Prince Philipp heiratete, hatte auch der deutsche Wurzeln, die aber ebenfalls 1917 bereits von Battenberg in Mountbatten übersetzt worden waren. Jetzt kann man natürlich den Standpunkt vertreten, dass da ja sehr viel kontinentales Blut durch die Venen des britischen Hochadels zirkuliert, inwiefern das aber irgendjemanden weiterbringt ist die andere Frage. Abgesehen davon: dass das aktuelle Royal Baby nur einen Elternteil hat, der gebürtig aus dem Hochadel stammt, dürfte ihm nur gut tun.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Briten haben sich ihre transeuropäische Monarchie 1917 nationalisiert. Und die Deutschen glauben weiterhin Hochadel = Herrenmenschen = Deutsche. Denen ist nicht zu helfen.
    Sympathischer ist da doch die Analyse dieses Herrn, dessen Y-Chromosom (der Vatersstamm des Gen-Zeitalters) übrigens aus Deutschland stammt: http://www.youtube.com/watch?v=cIm9WPRWUDQ

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    • Wäre mal interessant, herauszufinden, woher diese anscheinend „deutsche“ Sehnsucht nach dem Hochadel kommt… oder ist das in anderen Republiken auch so?

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      • Vielleicht entspringt es wirklich der Herrenmenschenphantasie. Und deren Ursprünge werden ja üblicherweise im nationalen Minderwertigkeitskomplex als zu spät gekommener Nation vermutet.
        Für andere Republiken – also zuerst einmal Frankreich – ist die Ausgangslage eine andere, da dort die Nationalkultur auf dem Republikanismus basiert. Ich nehme mal unbesehen an, dass die Franzosen eher die Nase rümpfen über allzuviel mediale Monarchomanie. Die hegemoniale Kultur in Deutschland hingegen hat sich nie die Republik ausgesucht, sondern sie 1848 abgewendet, sie 1918 bekämpft und sie sich 1945 oktroyieren lassen.

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  2. Pingback: Demokratie, Datenschutz, Sportmedien, Alpakas, Dom, Royal Baby – 1ppm von Johannes Mirus

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