Zwölf Jahre später

Älter werden ist ein Prozess, den ich wenig reflektiere. Vielleicht allein schon wegen der Tatsache, dass man am Ende immer beim eigenen Tod landet und man selber stirbt nicht. Man selber ist dieses auserwählte Wesen, das sich die Birne wegtrinken, die Lunge zuqualmen und zwischen den Twin Towers seiltanzen kann, man stirbt halt nicht. Mit zunehmendem Alter versucht der Körper dem kleinen Teil des Gehirns, das für Verdrängung zuständig ist, weiß zu machen, dass es sich da gewaltig täuscht.

Da wacht man dann mitten in der Nacht panisch auf und fängt an zu zählen. Aber das führt ja auch zu nichts. Und es ist ja auch ganz gut, dass man verdrängen kann, denn sonst würde ich keine Schritt mehr wagen. Ich bin ja bereits jetzt der festen Überzeugung, dass mir irgendwann mal das Haus, in dem ich lebe, auf die Birne fällt, ich beim Musikhören von einem Bus überfahren werde oder ich aus Versehen in eine real gewordene Szene der Serie Scandal gerate.

Genauso gut mit dem Verdrängen klappt das bei mir auch mit Träumen, die man mal so hatte. Ich zum Beispiel hatte mit ca. acht Jahren den ganz großen Traum, später mal Grundschullehramt in Köln zu studieren. Bis ich dreizehn war formte sich dieser Traum immer weiter aus. Er bestand vorwiegend darin, dass ich in einem Loft aus der Soap GZSZ wohnen würde. Da die meisten Darsteller bei GZSZ sowieso auch nie arbeiten gingen, sich trotzdem aber eine riesige Wohnung leisten konnten, ging ich davon aus, dass ich das schon schaffen würde. Glücklicher Weise hatte ich mit 19 dann doch keine Lust mehr darauf Grundschullehramt zu studieren.

Aber was wäre denn aus mir geworden, wenn ich nach dem Abitur den Studienplatz für Medienwissenschaft an der Uni Paderborn angenommen hätte. Ich hasse kontrafaktische Geschichte eigentlich, aber für meine Entscheidungen wende ich sie dann doch gerne an. Nun: vermutlich würde ich nicht in einer Schrottbude wohnen, in der ich mir kostenlos eine Bleivergiftung holen könnte und die die Installation „Offenes Rohr an Küchenwand“ kostenlos ausstellen würde. Ich würde mich über andere Kommilitonen als die aktuellen aufregen. Ich hätte eine Menge Leute nicht kennengelernt, weswegen mein Leben jetzt vollkommen anders aussehe, trotz Internet. Ich säße in Paderborn. Und da fängt es an unrealistisch zu werden. Paderborn. Die Entscheidung gegen Paderborn war mit Abstand das Vernünftigste, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Es liegt noch nicht mal an Paderborn, vielmehr daran, dass mir dieser Studiengang in der Lightversion schon nicht gefallen hatte, dass mein großer Jobtraum Journalismus sich immer wieder von seinen fiesesten Seiten gezeigt hat und dass ich immer noch nicht die Erwachsene bin, die ich mir mit 14 vorgestellt hatte zu sein. Zwölf Jahre später bin ich definitiv nicht das, was ich mal werden wollte, aber das ist ja nicht unbedingt schlecht.

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