Schule

Ich habe in dieser Woche so viel über Schule nachgedacht und über Schule gelesen, dass ich dachte, ich könnte mal schreiben wie das so war. Auf dem Dorfgymnasium im Sauerland von 1999 bis 2008. Oder so in etwa. Erinnerung ist ja immer so eine Sache.

Also abgesehen davon, dass mein Schulunterricht jeden Morgen pünktlich um 7:30 Uhr begann (Und nein, das war nicht sowas Obskures wie die „Nullte“ Stunde), war meine Schulzeit irgendwie gut und irgendwie schlecht. Da dass Internet ein Hort des Bösen und Schlechten ist, gebe ich jetzt nur mal wieder, was schlecht war.

Schlecht war zum Beispiel, dass das, was man „Diversity“ nennen könnte, in meiner Klasse nicht stattfand oder die zarten Blüten bis zur siebten Klasse ausgesiebt wurden. Hilfreich dabei war bestimmt der Mathelehrer, der gelegentlich Alditüten mitbrachte und uns dann fragte, ob man ihm mal den „Türkenkoffer“ abnehmen könne. Oder dass man der alleinerziehenden polnischen Mutter in der Grundschule dringend davon abriet, ihre Tochter aufs Gymnasium zu schicken. Die Gymnasialempfehlung bekamen in der Regel eh nur die bei denen man sicher sein konnte, dass im unwahrscheinlichen Fall, dass das Kind doch nicht fürs Gymnasium taugte, genug Geld für Nachhilfe da wäre.

Schlecht war auch, dass ich von vornherein Angst vor Mathe hatte (ich schiebe es bis heute auf Graf Zahl aus der Sesamstraße, der regelrechte Angstzustände bei mir auslöste.). In der zweiten Klasse stellte ich mir vor, dass ich ja irgendwann mal im Milliarden- oder Millionenbereich rechnen müsste und dass die Zahlen viel zu groß für meinen Kopf wären. Außerdem waren meine Noten in allen anderen Fächern besser und von Sachkunde hielt ich ähnlich viel wie von Mathe, es sei denn ich konnte über die Geschichte des Fahrrads philosophieren. Besagter Mathelehrer mit besagtem „Koffer“ traf irgendwann auf eine Mitschülerin, die sich an seiner latenten „Frauen können eh nicht rechnen“-Haltung störte und dieses Missfallen der Vertrauenslehrerin anvertraute, die leider nichts besseres zu tun hatte als besagten Lehrer anzusprechen und ihm auch noch zu erzählen, wer ihr dies vorgetragen hatte. Das Ende vom Lied: der kurz vor der Pensionierung stehende Lehrer diskutierte mit Sechstklässlerinnen, dass er das gar nicht so meinen würde (vielleicht war das ein Schritt in die Richtung, dass ich anonyme Watchblogs nicht schlimm finde). 12-jährige gegen 60-somethings. Meine Mathekarriere ging weiter mit jemandem, der leider nicht erklären konnte, dann kam eine kurze tolle Phase mit jemanden, der in der Lage war mich zu begeistern, mich zu motivieren und mich – mit Nachhilfe – zur allerletzten Mathe-Zwei-Minus meines Lebens brachte. Und dann kam der Choleriker. Der machte keinen Unterschied zwischen Mädchen oder Jungs. Aber in der Klausur, in der ich durch Nachdenken und nicht durch Rechnen auf die Lösung kam, die ich schlüssig begründet niederschrieb, kriegte ich leider keinen Punkt für diese Denkanstrengung. So zierten meine Klausuren bis in die Stufe 13 Kakteen, denn er hatte irgendwann mal gesagt: „Wenn ihr halt nix wisst in der Klausur, malt halt ’nen Kaktus“. Zwei Schulhalbjahre schaffte ich die fünf Punkte, zwei Schulhalbjahre gab’s ein „Defizit“, vier Punkte. Da hatte ich schon keinen Sinn mehr darin gesehen in Nachhilfe zu investieren, der Zug war abgefahren. Mein Abschied vom Matheunterricht war dann der große Knall: 13/2, Mathe als Abifach hatte ich ausgeschlossen. Also gab es nur noch „mündlich“ Mathe. Im Rückblick würde ich sagen: ich habe eigentlich immer überall aufgezeigt, wenn ich mir nicht total doof vorkam. Und jetzt wollte ich wenigstens zeigen, dass ich weiter engagiert war. Mein Mathelehrer fand das nicht. Die letzte Mathenote wurde ein Defizit: „Mehr kann ich leider nicht machen.“ Danke auch. Die vorletzte Mathestunde meines Lebens verbrachte ich mit meinen Mitschülerinnen quatschend mit dem Rücken zum Lehrer: „Wenn du stören willst, geh raus.“ – „Da kann ich nicht stören.“ Auf dem Foto vom Kursbericht stehe ich mit beiden Daumen nach unten zeigend, zur letzten Mathestunde bin ich nicht mehr gegangen und habe stattdessen Wuttränen geweint.

Chemie und Physik waren ähnlich schön. Das hatte ich nur nicht so oft. Zwei Lehrer haben mir aber auch die Fächer, ähm, vermiest. Lehrer 1, Chemie, verteilte nach der 7/1 die Noten und – Wunder – viele Mädchen wurden mit Vieren bedacht, Jungs hingegen erstaunlich oft mit Dreien. Chemie war ein „mündliches“ Fach, es gab keine Tests. Also beschwerte ich mich, zog einen Freund als Vergleich heran und meinte, ich würde uns beide etwa gleich einschätzen. Zurück bekam ich: Was ich mir eigentlich anmaßen würde, meinen Freund so in den Dreck zu ziehen. Tat ich gar nicht, ich wertete mich nur auf. Am Zeugnistag bekamen alle Mädchen, die eine Vier kriegen sollten, eine Drei. Das einzige Mädchen, das auf ihrer Vier hängen blieb, war… nun ja, das Mädchen beschloss an dem Tag nach dem Abi Chemie zu studieren und ihr Abschlusszeugnis zusammen mit einer Fotokopie ihres Hinterteils an ihren ehemaligen Chemielehrer zu schicken. Was sie dann doch nie gemacht hat.

Der Physiklehrer ab Klasse 9 war auch ein geborener Pädagoge. Die Abizeitung ist voll mit Zitaten von ihm. Als er das Stufenpärchen auseinander setzte, sagte er: „M. ich pass schon auf, dass I. hier vorne nicht austrocknet.“ Einer Mitschülerin sagte er: „Hat dir heute eigentlich schon jemand gesagt, dass du gut aussiehst? Nein? Na dann hat dich heute wenigstens noch niemand angelogen.“

Und beim Girls Day habe ich mich auch gelangweilt.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei uns in einem Bonner Stadtgymnasium ging es erst um 7:40 los. Abgesehen davon kann ich mir gut vorstellen, dass einige Mitschülerinnen vergleichbare Geschichten zu erzählen haben. : )

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