Haulsusen

 

Laura und Lena hatten gerade ihr neuestes Vlog fertig gestellt. Dieses Mal hatten sie alle Babybrei-Sorten, die dm so anbot, in einen Haul und eine Top 10 gepackt. Am widerlichsten hatten sie das pürierte Spagetti Bolognese Gläschen gefunden, aber der Hersteller hatte leider zur Bedingung für die 200 Euro Taschengeld-Aufstockung gemacht, dass ausgerechnet dieses Gläschen ganz vorne auf Platz 1 landen sollte. Also hatten Laura und Lena ihr Bestes gegeben und davon geschwärmt wie lecker das Gläschen Spagetti Bolognese schmeckte.

„Wie. In. Italien. So. Super. Lecker. Ihr. Glaubt. Es. Nicht.“, hatte Laura gesagt, die irgendwie italienische Wurzeln hatte, wie genau wusste sie auch nicht. Und Lena hatte hinzugefügt, dass sie sich voll vorstellen könnte, dass mal in der Mittagspause an ihrem G8-Gymnasium zu snacken, statt in der Schulkantine das voll widerliche vegane, glutenfreie Zeug essen zu müssen, das die „Elterninitiative für eine ernährungsautonome Schule“ durchgeboxt hatte. Ihr war immer noch peinlich, dass ausgerechnet ihre Mutter, die jeden Abend eine andere Maggitüte aufriss, da Vorsitzende sein musste. Jedenfalls wurde sie persönlich jetzt dafür verantwortlich gemacht, dass der Burger der Woche gestrichen worden war. Nur Laura hielt noch zu ihr und Lena glaubte, dass das nur daran lag, dass sie zu Weihnachten die Spiegelreflexkamera mit Videofunktion bekommen hatte. Die konnte nämlich besser filmen als die ausrangierte Digicam von Lauras Eltern. Und außerdem war Lena beim Videoschnitt etwas talentierter als Laura.

Während das Video hochlud, verirrte sich Laura auf eine dieser neuen Jugendseiten, von denen ihr kürzlich ihr Vater erzählt hatte als er von seinem Wochenmagazin hochgeblickt hatte. Überall blinkte es, OMFG, Alter, das hielt doch niemand aus. YOLO, lief voll nicht bei denen, dachte Laura sofort. Das war voll die Gammelfleischparty von Leuten, die dachten, sie seien die Babos. Stattdessen würden die bald alle voll abhartzen. Young outlaws love orange! Swag haben wir und nicht ein Jugendportal, das heißt wie eine Brotdose, die jede Übermuddi und jede Hipstergöre morgens liebevoll mit ausgestochenem Weißbrot und irgendwelchem anderen Quatsch befüllt. Übelstes Niveaulimbo war das. Sie hatte den Verdacht, dass diese Jugendseite der Grund war, warum ihr Vater plötzlich mit ihr über Snapchat sprechen wollte. Dabei benutzte sie Snapchat gar nicht, weil Jonas das doof fand. Auch wenn alle anderen da waren. Aber Jonas eben nicht. Also hatte sie ihrem Vater erzählt, dass sie keine Lust hätte mit ihm über Snapchat zu reden, was wieder mal zu einem mittelschweren Krach geführt hatte.

Sie klickte auf einen Artikel, der über den neuen Jugendtrend „Extreme Phone Dropping“ berichtete. Lena kannte das schon, es gab mal wieder einen Trend, von dem sie noch nie etwas gehört hatte. Aber Mama, Papa und Onkel Tim würden sie demnächst darauf ansprechen. So wie Mama und Papa jede Woche ihr Handy kontrollierten, ob da irgendwas mit Sexting drauf war. Darüber hatten sie mit ihrer Klassenlehrerin schon gesprochen, der Mann von der Polizei hatte auch auf die Gefahren hingewiesen und erzählt, warum Cyberbullying ganz schlimm und gefährlich war. Aber es hatte niemanden interessiert als Lauras Jacke plötzlich voller Tintenspritzer war und jemand in ihr Hausaufgabenheft „Grünkernfotze“ gekritzelt hatte.

Beim Extreme Phone Dropping handelte es sich jedenfalls darum, dass Menschen – vorwiegend in Lauras und Lenas Alter – ihre Smartphones über Abgründe hielten. Laura und Lena lebten auf dem platten Land und wussten auch nicht, über welchen Abgrund sie ihr Smartphone halten sollten. Außerdem war das Smartphone viel zu teuer, um es für ein Youtube-Video in irgendeinem Abgrund zu verlieren. Laura rechnete: Sie und Laura müssten für ein neues iPhone etwa 7 Videos mit dem ekligen Babybrei drehen…

 

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