Den Bundespräsidenten besuchen

Datenschutz ist total wichtig. Aber wenn man gefragt wird, ob man die Daten an das Bundespräsidialamt weitergeben könnte, weil die einen evtl. einladen möchten, dann sagt man mal ja. Und dann hat man irgendwann Anfang Juni ein überdimensioniertes Kuvert im Briefkasten, das einem mitteilt, der Bundespräsident und seine Lebensgefährtin würden einen bitten nach Berlin zu kommen. Dann überlegt man, ob man wirklich Geld ausgeben möchte, um einen Abend unter freiem Himmel in Berlin zu verbringen. Man weiß ja gar nicht wie dieses Wetter in Berlin an diesem Abend sein wird. Man amüsiert sich etwas darüber, dass empfohlen wird wettergemäße Kleidung zu tragen und denkt dann nach. Die Einladung gilt nämlich nur für einen selbst. Also steht man den ganzen Abend allein da rum. Und überhaupt und sowieso. Schließlich guckt man auf die Seiten diverser Reiseanbieter, findet heraus, dass es kostengünstiger ist an diesem Tag nach Berlin zu fliegen, statt die Bahn zu nehmen (denn die will irgendwie 200 Euro für eine “Sparpreis”-Fahrt) und bucht dann einfach mal.
Am Tag vor der Abreise sucht man das Abiballkleid, findet es nicht und stopft deswegen einfach zwei Kleider rein, die sich auch noch total ähnlich sehen. Am Abend im Hotel ist man dann unschlüssig, welches von beiden man anziehen möchte, macht eine Twitterumfrage und bemerkt, dass dieses “keinen Schmuck tragen” an manchen Tagen ein wenig doof ist. Dann geht man zur S-Bahn, die leider nicht fährt, weil die Türen blockieren. Nachdem man sich das zehn Minuten angesehen hat, wird man panisch, springt aus der Bahn ins Taxi und sieht, dass die Bahn jetzt doch fährt.
Am Schloss Bellevue wedelt man Polizisten mit seiner Einladung hektisch zu, wird reingelassen, bekommt das Abendprogramm, erfährt, dass man heute unter anderem Burghart Klaussner auf der Bühne zu sehen bekommt und – wo wir schon mal hier sind – setzt sich in die vierte Reihe, obwohl in den drei Reihen vor einem noch Platz ist, aber so wichtig ist man ja gar nicht. Dann wartet man, guckt, wer noch so ankommt. Denkt: “Bestimmt total wichtig, diese Leute, aber keine Ahnung, wer das ist.” Manche kennt man aus der Tagesschau, aber hat ihre Namen vergessen. Der Bundespräsident kommt, hält eine Rede und dann sieht man Auszüge aus einem Theaterstück. Nach einer Stunde auf erstaunlich unbequemen Stühlen, bei denen einem die Sitznachbarn etwas auf die Pelle rücken, ist das Theaterstück dann vorbei. Die Damen und Herren rechts von mir hatten übrigens einen unterhaltsamen Abend, zumindest beurteilten sie sämtliche herumsitzende Menschen anhand ihres Aussehens.
Im Anschluss gibt es einen Empfang, man hat die Möglichkeit, die Entourage des Bundespräsidenten kennenzulernen, die einem etwas über ihre Arbeit erzählen und verraten wo im Schloss Bellevue der Bundespräsident sein Arbeitszimmer hat. Überhaupt: Schloss Bellevue ist – verglichen mit dem Kanzleramt – ziemlich klein. Die anwesenden Prominenten lassen sich zu Selfies mit einem hinreißen und man stottert ein wenig rum, dass man ja gar nicht nerven wollen würde, aber sie sind erstaunlich locker drauf und finden das total in Ordnung.
Der Bundespräsident plaudert auch mit Gästen, die sich in einer Schlange angestellt haben und ihm Bücher schenken und ihm sagen, dass er das dringend lesen müsse, ihn um Autogramme für ihre Mütter bitten oder ihn zu Jugendbildung befragen. Irgendwann haben wir auch lange genug angestanden und dürfen ein Foto machen. Und dann ist es 12 Uhr, man hatte einen netten Abend, das Fingerfood war lecker und man geht wieder nach Hause, um dem Menschen, der mit einem da war und der sich “irgendwas vom Bundespräsidenten” gewünscht hatte, einen schnöden Regenponcho in die Hand zu drücken, den man am Eingang bekommen hatte und zum Glück nicht brauchte.

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