Der alte Mann und die Uni

Herr Hahn saß am Küchentisch. Er hatte den Wecker heute morgen erst nach 3 Sekunden ausgehauen. Schlechter, dachte Herrn Hahn. Sein Timing wurde immer schlechter. Timing war auch so ein Wort, dass er für schlecht befand. Eigentlich kannte er es gar nicht und er wusste überhaupt nicht, wie es überhaupt Zugang zu seinem Kopf gefunden hatte. Auch das war ein schlechtes Zeichen.

Er rührte mit abgespreiztem Finger in seiner Teetasse herum. Und beobachtete sich im antiken Spiegel, der an der Wand hing. Schief. Herr Hahn wurde fast panisch und als er sah, dass sein Haupthaar nicht in korrekter Manier gescheitelt war, war der Tag von Herrn Hahn gelaufen, obwohl er erst 15 Minuten alt war. Herr Hahn überlegte, auf was er sich an diesem Tag freuen konnte. Es fiel ihm nur die Universität ein, der Ort an dem er sich allen überlegen fühlte. Heute würde er es ihnen zeigen. Allen.

Am gestrigen Abend hatte er es sich genehmigt, nach der Tagesschau noch in sein Technikzimmer zu gehen. Dort hatte er das alte Buch in die Hand genommen und es fachmännisch auf den Scanner gelegt, so wie auch schon in der letzten Woche. Er hatte seine Finger angeleckt, damit die Seiten besser an den Fingern klebten. Eine leidige Angelegenheit von damals. Seine Finger hatten nich gezittert als er die Buchseite auf das Gerät legte. Sorgsam hatte er sie 20 Mal kopiert und  diesen Vorgang dann noch mit den restlichen 35 Seiten wiederholt. Danach ordnete er die Seiten und tackerte sie zusammen. Einmal war der Tacker leer gewesen und er hatte es nicht bemerkt, trotzdem zierten unschöne Spuren des Tackers das geballte Wissen. Herr Hahns Augenbraue hatte gezuckt und er hatte sich noch einmal an das Gerät begeben.

Herr Hahn gähnte, die verpassten zehn Minuten Schlaf hatten seinen kompletten Biorhythmus aus dem Takt gebracht. Er besah sich den Stapel Papier und verzog die Mundwinkel um exakt 0,00002 cm nach oben. Dann spülte er ab und überprüfte noch einmal ob seine Trachtenjacke korrekt saß. Die Küchenuhr zeigte 5.30 Uhr an.

Einige Zeit später fand sich Herr Hahn im Seminarraum ein. Es herrschte ein Trubel wie Herr Hahn es von einem Jahrmarkt aus seiner Jugend kannte. Die akademische Jugend von heute unterhielt sich über Menschen aus dem ARD-Vorabendprogramm, wieder zuckte seine Augenbraue. Endlich trat der Dozent durch die Tür und die unsäglichen Gespräche fanden ein Ende. Auch heute sollte Herr Hahn wieder das Fiasko dieses Staates erleben. Doch diese Sitzung eignete sich vollkommen, sich über das deutsche Bildungssystem zu echauffieren. Über Real-, Oberreal- und schnöde Gymnasien. Herr Hahn hatte den Latein- und Griechischunterricht seiner Schulzeit gehasst. Noch heute murmelte er in Situationen, die ihn bedrückten, gerne „Hic, Haec, Hoc, der Lehrer mit dem Stock“ vor sich hin.

Herr Hahn rieb sich unter dem Tisch die Hände, was die jungen Menschen dazu veranlasste, ihm komische Blicke zu zuwerfen. Dann setze die naseweise Göre zum größten Fehler an, den sie bislang hatte begehen können. Herr Hahn räusperte sich und brüllte dann ein lautes „Nein! Falsch!“ in den Raum und setzte zugleich an, die richtige Definition zu erläutern. Diebisch freute er sich dabei über den elaborierten Stil, den er sich in seinem 70-jährigen Leben angeeignet hatte. Weil er schon mal dabei war, ließ er sich über den staubtrockenen Georg Ernst Hinzpeter, diesen grauenvollen Drill-Calvinisten aus. Seiner elaborierten Meinung nach auch verantwortlich für alles was seit 1888 falsch in Deutschland gelaufen war.

Als er seine Ausführungen beendet hatte, starrte er mit entsetztem Blick in die Runde. Statt höriger Jünger, die an seinen Lippen klebten, starrten alle bedrückt auf den Boden und kräuselten ihre Münder. Niemand brach in Begeisterungsstürme aus. Herr Hahn hatte aber eines an seinem humanistischen Gymnasium gelernt: Haltung bewahren. Sich nichts anmerken lassen. Er blieb einige Zeit still, doch dann konnte er nicht mehr an sich halten. Er griff bedacht in seine Tasche und zog das weiße Papier heraus, räusperte sich kurz und setzte dann erneut an. Nachdem er das jungfräuliche Papier an seine Kommilitonen verteilt hatte, lehnte er sich genüsslich in seinem Stuhl zurück und dachte, dass es mit dem Tag doch noch etwas werden könne.

Er konnte nicht in das Hirn der naseweisen Göre blicken. Diese hatte bereits ihr neumodisches Telefon gezückt und per Internet 10 Tonnen Informationsmaterial zu allen Seniorenheimen in der Umgebung angefordert. Eine warb bezeichnender Weise mit dem Wortspiel „ALTERnative“. Sie beschloss, es in der nächsten Sitzung auszuteilen.  

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