Leeve Jecke,

ich versuche hier jetzt gar nicht erst euren komischen Dialekt nachzumachen zu tun, woll? Das is mia nämlich ein viäl zu großa Anbach. Denn ich komm da wech, wo die Leute zwar ohne Unterlass am Saufen dranne sind, aber lustich werden die dabei nicht, wonnich? Der Westfale an sich neicht ja eha dazu mit jedem Biaaa noch stilla zu werden. Ausgenommen davon ist natüllich Schützenfest.

Auf Schützenfest, woll, da hat der hundsgemeine Westfale, wonnich, spezifizierter noch der Hochsauerländer, seine wilden 3 von 366 Tagen in diesem Jahr. Das ist quasi der Karneval  für große und humorbefreite Teile Nordrheinwestfalens. Leeve Jecke, ihr dürft uns das nicht allzu übel nehmen. Wir grenzen quasi fast direkt an Hesse und ihr wisst doch was die Hesse mit eurem Karneval anstellen tun! Zurück zum Schützenfest: es gibt direkt mehrere Gründe, weshalb der humorbefreite Südwestfale aka Hochsauerländer lieber Schützenfeste feiert als Karneval:

1. Der Westfale lebt ursprungsbedingt in einer feindlichen Umgebung. Hätte vor ca. 100 Jahren nicht der Wintersporttourismus und damit Menschen aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland Einzug im Hochsauerland gehalten, wir würden noch heute nackt durch die Wälder rennen, und schrecklichere Sätze sagen als: „Von dem Gedudel wirste ja echt rammdösig.“ oder „Er is noch zugange mittm waschen.“ In diese feindliche Umgebung hat sich der Sauerländer voll und ganz angepasst. Hier kommt niemand auf die selten bescheuerte Idee Open-Air-Besäufnisse im Februar/März abzuhalten. Erst recht nicht in Samba-Outfits, liebe Brasilianer! Straßenkarneval? Ich bitte sie. Die Schützenfestsaison geht im Juni los.

2. Der gemeine Karnevalist nutzt die tollen Tage in erster Linie, um auf Tuchfühlung mit dem anderen Geschlecht zu gehen. Das ist zumindest meine Beobachtung aus der Ferne. Bützen und Bumsen eben. Ganz anders da der menschenfeindliche Westfale, anstatt sich gemeinsam mit seinen Artgenossen am Leben zu erfreuen, greift er lieber zu anderen Mitteln. Der Schusswaffe. Die eignet sich hervorragend, um auf andere Gegenstände zu zielen. Dabei handelt es sich in der Regel allerdings nicht um Menschen, sondern um Vögel. Und auch diese Vögel sind eigentlich keine Vögel sondern Sonderanfertigungen, die Vögel nachahmen sollen. Wahrscheinlich hat irgendeine Kötte aus irgendeinem Köttenkaff irgendwann mal beschlossen, dass das mit echten Vögeln nicht mehr geht. War bestimmt evangelisch. Denn, ja da muss man eine Parallele zwischen Rhein- und Sauerland ziehen: Evangelische sind hier in der Diaspora und das ist gut in einem Landstrich in dem die CDU regelmäßig mindestens 70% der Stimmen bekommt.

3. Pils. Die Plörre, die der kölsche Karnevalist während der tollen Tage versäuft, kommt nicht annähernd an das Zeug heran, mit dem sich der ordentliche Sauerländer während der dreitägigen Schützenfestattacke aus dem Leben ballert. Jährlich stellen die heimischen Brauereien jede Menge Hektoliter Pils zur Verfügung, damit dem Sauerländer an sich die Leber groß genug bleiben tut, woll. Beim Pilsken taut auch der steifste Sauerländer dann mal auf. Gelegentlich wird sogar davon berichtet, dass mal einer auf einen Tisch gestiegen sein soll. Ansonsten benehmen sich die Sauerländer aber so, wie man es von ihnen erwartet:

Der sog. „Hofstaat“, bestehend aus dem, der den Vogel abgeschossen hat, dem seiner Frau und dem seinen Freunden mit denen ihren Frauen, stopft sich in lustige Klamotten (und auch nur die, liebe Karnevalisten, der Rest kommt in standesgemäßer Schützenuniform (alle, die im Dorf wohnen) oder Freizeitlook (die, die nicht im Dorf wohnen oder nicht im Schützenverein sind. Letztere wohnen dann allerdings auch nicht mehr lange im Dorf)) und schmeißt die Party. Denn hier entsteht, im Gegensatz zum Karneval, der volkswirtschaftliche Schaden nur bei einer Person: dem König. Der darf die ganze Sause nämlich selbstredend bezahlen. Alle anderen saufen auf seine Kosten. Mittlerweile hat man das Ganze natürlich eingedämmt und bietet Flatrate-Schützenfeste an (die auch regelmäßig von linken Terrororganisationen, die im sauerländischen Untergrund eine Art Partisanenkampf eröffnet haben, kritisiert werden). Dennoch bleibt am Schützenkönig eine  riesige Rechnung kleben. Für den ganzen Anbach muss er sodann mindestens den Jahresurlaub und die vier Neuwagen in den kommenden Jahren streichen. Dafür wird er vom ganzen Dorf ein Jahr lang gegrüßt und sein Privatleben aufs genaueste untersucht. Ich bin mir sicher, gäbe es eine „Schützenkönigstratschzeitung“ für das Sauerland, sie würde reißenden Umsatz finden.

Worauf ich hinaus will: statt gezielt eine Millionenstadt mindestens für fünf Tage außer Gefecht zu setzen, durch eine sogenannte Brauchtumsveranstaltung, hat man im Sauerland die Zeichen der Zeit erkannt: finanziell geschädigt wird nur der Schützenkönig selbst, der volkswirtschaftliche Schaden streckt sich über mehrere Dörfer und wird dadurch sozialverträglicher: es ist nämlich ausgemachte Sache, dass nebeneinanderliegende Dörfer nie, nie, nie an einem Wochenende gemeinsam Schützenfest feiern.

Bleibt mir nur noch eins zu sagen: ich mag beide Veranstaltungen nicht, allerdings sind mir Veranstaltungen, zu denen mit Schusswaffen hantiert werden darf, generell sympathischer als jene, die zum Gruppenkuscheln auffordern. Aufgrund der terminlichen Verschiedenheiten beider Veranstaltungen kann ich jedoch immer schön ins jeweilige Exil flüchten.

Leeve Jecke,

ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und bin äußerst angetan von Ihrer Toleranz und deswegen, hia hab ich füa Sie gemacht getan:

(wow! Sie lächelt!)

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Sehr geehrter Herr Ariakan,

      was genau haben Sie an „mehrere Gründe, weshalb der humorbefreite Südwestfale aka Hochsauerländer lieber Schützenfeste feiert als Karneval: […] 3. Pils. Die Plörre, die der kölsche Karnevalist während der tollen Tage versäuft, kommt nicht annähernd an das Zeug heran, mit dem sich der ordentliche Sauerländer während der dreitägigen Schützenfestattacke aus dem Leben ballert. Jährlich stellen die heimischen Brauereien jede Menge Hektoliter Pils zur Verfügung, damit dem Sauerländer an sich die Leber groß genug bleiben tut, woll.“ nicht verstanden?

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