Dörte

Elisabeth und Dörte wuchteten ihre Koffer in die Ablage über ihren Sitzen. Ihre Koffer waren vor allem deswegen so schwer, weil Dörte jedes Gedicht, das sie in den vergangenen Jahren geschrieben hatte, ausgedruckt und in 8 Leitz-Ordner abgeheftet hatte. Früh am Morgen hatten beide ihre Reihenhäuser verlassen und waren in Elisabeths Kleinwagen zum kleinen Bahnhof gefahren. Jetzt waren sie in Frankfurt und bestiegen den Zug, der sie zur Buchmesse in Leipzig bringen sollte. Elisabeth, die Dörte aus dem Rotary-Club kannte und sie eigentlich ziemlich anstrengend fand, war froh gewesen, dass sie jemanden gefunden hatte, die mit ihr zur Buchmesse fahren wollte. Dörte hatte eh vorgehabt, ihre acht Leitz-Ordner irgendeinem Verlag anzudrehen. Sie hatte schon immer gedichtet. Richtig angefangen hatte sie aber erst, als die Kinder gekommen waren und sie vorerst nicht mehr am Gymnasium unterrichtete. Ihr Mann Wolfram hatte gemeint als Sparkassendirektor müsse er die Familie notfalls auch alleine ernähren können. Das war zwar Dörtes emanzipatorischem Grundwesen sehr zuwider, aber immerhin hatte sie jetzt Zeit, ihre Gedichte zu schreiben. Sie liebte Wörter sehr.

Elisabeth, etwas verlegen, fragte Dörte, was sie neben dem Gedichte schreiben noch so machte. Zwar war Dörte mittlerweile wieder Deutsch- und Philosophielehrerin am Gymnasium, aber neben den Gedichten, wollte sie auch Bücher schreiben. Wozu sonst hatte sie den VHS-Kurs „Romane schreiben für Gymnasiallehrerinnen“ besucht? Elisabeth zeigte sich interessiert, also erzählte Dörte ihr die Handlung ihres neuesten Romans:

Dörte hatte etwas Autobiografisches schreiben wollen. Sie hatte sich daran erinnert, dass der Onkel ihres Mannes bei Stalingrad gefangen genommen worden war. Dieser Onkel war das uneheliche Kind einer deutsch-französischen Liebschaft Ende der 1920er Jahre gewesen und man hatte sich in Wolframs Familie viel über ihn erzählt. Dieser Onkel, den Dörte im Roman Rolf-Pierre nennen wollte, hatte nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zwei Söhne von unterschiedlichen Frauen geschenkt bekommen. Dörte wollte diese spannende Episode der Familiengeschichte ihres Mannes zu einem Roman umarbeiten. Sie hatte sich das alles schon sehr genau ausgemalt und erzählte Elisabeth nun in 45 Minuten die gesamte Romanhandlung:

Gernot und Philipp waren beide in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre geboren worden und lebten bei Rolf-Pierre. Als sie älter wurden, merkte man, dass beide sehr unterschiedliche Charaktere hatten, während Gernot ein Frauenheld wurde, blieb Philipp eher schüchtern. Und über beiden schwebte das nicht-aufgearbeitete Stalingrad-Erlebnis ihres Vaters. Gernot studierte Betriebswissenschaft, während Philipp Historiker werden wollte. Im Jahr 1983 waren beide in der Friedensbewegung aktiv und Gernot hatte gerade die Schwedin Marlijn kennengelernt, die auch Philipp sehr interessant fand. Doch Philipps Naturell stand einer Annäherung entgegen.

Während der Hofgartendemo 1983 in Bonn – in diese Szene wollte Dörte auch noch eine kurze Begegnung mit Heinrich Böll einarbeiten – wurde Marlijn verhaftet, obwohl es eigentlich Philipp gewesen wäre, der hätte verhaftet werden sollen. Der aber lief davon. Zuhause machte er sich schwere Vorwürfe, weil er sie im Stich gelassen hatte. Denn der schüchterne Philipp hatte Kontakte zur RAF. Marlijn, der man nichts nachweisen konnte, kam frei und wurde Mutter von Gernots Tochter Sibylle.

Eines Tages, einige Jahre später, Philipp war in Frankfurt mit einer Arbeit über die 68er-Bewegung promoviert worden, rettete Philipp Sibylle vor dem Ertrinken. Marlijn war ihm mehr als dankbar und weil es ein besonders sonniger Tag war, schmerzte auch ihre Narbe, die sie bei der Verhaftung durch die Polizei 1983 erhalten hatte.

Philipp hatte nur noch mehr Gewissensbisse und stellte sich am nächsten Tag den Behörden. Er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. In der Haft beschäftigte er sich zum ersten Mal mit seinem Vater.

Nach den 45 Minuten ging Elisabeth zur ICE-Toilette und rief dort ihren Mann an. Als sie an ihren Platz zurückkehrte, klingelte ihr Handy. Am nächsten Bahnhof stieg sie aus. Die Geschichte mit dem verstorbenen Dackel hatte funktioniert. Dabei hatten sie nie einen Dackel gehabt.

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