Ein ganz normaler Wahnsinnsfreitag

(aus Christian Friedrich Delius – Mein Jahr als Mörder, 4. Aufl., Berlin 2011, S. 56 (wie man unschwer erkennen kann))

Ein Freitag also, an dem es am Plästern ist (entschuldigen Sie, das hier ist Rebellion gegen ein Sprecherziehungsseminar, das ich derzeit besuche). Ich sitze an der Bushaltestelle mit dem Buch, das oben abgebildet ist. Ich beschäftige mich nicht nur studiumstechnisch mit Nazis, nein, in meiner Freizeit schere ich mich auch noch mit ihnen rum und mit der Zeit in der ich gerne mal 2,3 Tage verbringen würde (nein, nicht die Nazizeit, was denken Sie denn?). Ich steige mit dem Buch und den Kopfhörern im Ohr in den Bus. Mir werden dadurch interessante Gesprächfetzen à la “Ey Alta, das Amt will schon wieder nicht bezahlen, dabei hab ich bis zum Blasensprung gearbeitet und Klothilde-Schantalle wird sonst nicht satt” entgehen. Sei’s drum.

Neben mich setzt sich ein hutzeliges, kleines altes Weib. Sorte nette Hexe aus den Märchen, sie beäugt ängstlich mein Buch, vielleicht hält sie es für eine Anleitung und hat Angst, dass ich das Hackebeil zücke. Es plästert immer noch, ich freue mich schon darauf am Busbahnhof auszusteigen. Schaffe es am Ende meiner Busreise mein Kapitel zu beenden und das Plästern hat auch aufgehört. Ich schiebe mich am Hutzelweib vorbei und trete aus dem Bus und in den am Busbahnhof befindlichen Kiosk. Die Frau ist wie immer lahm und ich wie immer spät dran. Auf die Schnelle ein ekliges Brötchen gekauft, das ich nur halb essen werde, und eine Apfelschorle (mein frühreifer Alzheimer hat mich vergessen lassen, dass ich einen Liter Wasser mit mir rumschleppe).

Ich verlese zwei Stunden lang die langweiligsten Neuigkeiten aus Bonn (eben erreichte mich die Meldung, dass auch Buschdorf nun einen Kunstrasenplatz hat), dann gehe ich raus, gebe beim Kulturreferat eine dicke Rechnung ab und schlurfe weiter in das Café, das vor einigen Monaten meinen sehr großen Unmut auslöste. Dort esse ich das hier:

Mit 6,50 Euro vollkommen überteuert, aber nur hier gibt es Rhabarberschorle, die mir schmeckt (ich bin der festen Überzeugung, dass Rhabarberschorle irgendwann der absolute Megatrend unter allen Hipstern wird, spätestens dann werde ich den Konsum einstellen). Ach kennen Sie übrigens das hier?:

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=YcMT395UvWI&w=425&h=349]

Wahrscheinlich kennen Sie es, 1.192.299 mal ist es ja immerhin schon angeklickt worden. Ich gehe zu einem Schlüsselmacher und lasse mir meinen Briefkastenschlüssel nachmachen, den ich vor kurzem verbog. Er will 7,99 Euro dafür haben, finde das unverhältnismäßig für so einen kleinen Schlüssel. In dem Laden arbeiten 3 Leute. Wenn die für 10 Stunden lang nur Briefkastenschlüssel nachmachen würden, was 2 Minuten dauert, dann hätte jeder am Ende des Tages 799 Euro, wenn das Material nichts kosten würde (glaube ich zumindest, aber Sie erinnern sich vielleicht an meine Rechenkünste?)

Ich fahre nach Hause, dieses Mal ohne Hutzelweib. Am Bahnhof sehe ich meine Freundin mit der orangenen Brille, die den Busbahnhof bei jedem Wetter als Freilichtkneipe nutzt. Heute trägt sie einen formschönen Fransenrock mit Leggins und ein rotes T-Shirt, ihre orangene Brille hat sie auch auf und in der einen Hand ein Oettinger, in der anderen eine Kippe. Dazu tanzt sie. Bei der ist also alles in Ordnung, denke ich mir, man sollte sich ja nicht unnötig Sorgen um seine Mitmenschen machen.

Daheim angekommen finde ich einen Schrieb der Stadt Bonn im Briefkasten, der mir mitteilt, ich solle an einem bestimmten Tag in der nächsten Woche 4 Stunden zuhause sitzen und auf einen Mann warten, der für die Stadt

[die angestrebte Markttransparenz des Mietmarktes durch einen neuen Mietspiegel herstellen soll].

Ich bin begeistert – nicht. Ich lege mich zwei Stunden ins Bett, dann stehe ich wieder auf und steige erneut in den Bus, dieses Mal in Begleitung, im Bus sitzen meine Lieblingshauptschüler. Schon als ich sie im Jahr 2008 “kennenlernte” fragte ich mich, ob die ihren Abschluss nicht schon längst haben müssten. Nur soviel: sie haben ihn anscheinend immer noch nicht. Die Hälfte von ihnen steigt zwei Stationen später aus, die andere Hälfte beginnt folgendes Gespräch:

Checker A: “Ey, Alta, ich bin voll froh, dass Osama bin Laden tot ist.”

Checker B: “Ey, Alta, der ist gar nicht tot.”

Checker A: “Was labast du?”

Checker B: “Ja, das war ne Verschwörung von der CIA, die war das doch auch schon bei Nine-Eleven!”

Checker A: “Wasn Nine-Eleven?”

Checker B: “Alter, man, 11. September, ey!”

[ich mache wie immer eine Bemerkung darüber, dass mein Hirn gleich platzt und beobachte kurz den tricolorierten Kopf der Frau fünf Bänke vor mir und kann deswegen nicht weiter folgen, doch dann höre ich das Wort Atheismus und bin erstaunt]

Checker B: “Ja, man Atheismus, das sind die, die an nix glauben, nur an die Evolution.” (Bin begeistert, hatte anscheinend vollkommen falsches Bild von meinen Hauptschülern).

Checker A: “Was, sind das die, die glauben wir sind alle aus Scheiße gemacht? Ey, alter, die sind doch scheiße!” (überlege, mich kurz umzudrehen und ihm vom Kreationismus und Sarah Palin zu berichten, verwerfe das Ganze dann aber und schalte endgültig ab).

Grund meiner erneuten Busfahrt ist “Eine Insel namens Udo”, überzeugen Sie sich selbst – ist gut. Ich schmuggel eine Flasche Apfelschorle ins Kino (Sie erinnern sich, irgendwo ganz am Anfang dieser unendlichen Geschichte) und gleiche den wirtschaftlichen Schaden sofort durch den Kauf von Eiskonfekt UND Popcorn aus (außerdem war das gar keine Absicht mit dem Schmuggeln, ich hatte die Flasche wirklich vergessen). Weil der Film für 19.45 Uhr angesetzt ist, beginnt er um 20.15 Uhr und deswegen stehe ich um 21.30 Uhr wieder vorm Kino und fahre nach Hause, denn am Samstag muss ich um 7 Uhr morgens aufstehen, um um 10 Uhr in Essen zu sein, Sprechtraining, Sie erinnern sich?

Kommentare

Hört meine Worte! Auf den Sieben Bergen sprach unser aller Herr zu mir! Wir sind alle Scheiße, ähm, ich meine. Wir sind alle aus Scheiße gemacht! :D … Großartig, du musst mir mal ne Busführung geben.

Schreibe einen Kommentar