Wie ich den 68ern ein Gedicht widmete

Ich habe die 68er verraten. Des öfteren. Mein cholerischer Französischlehrer wollte immer wissen, wer die Schuld an der Verrohung der Gesellschaft zu tragen habe und weil es so einfach war, sagte ich, was er hören wollte: “Die 68er!”. Ich hatte auch ein wenig ein schlechtes Gewissen und wollte den 68ern mal sagen, warum das mit ihnen und mir so ist, wie es ist – nicht einfach. Also habe ich mit 16 ein Gedicht geschrieben. Weil gerade viele ihre “Frühwerke” neu oder überhaupt veröffentlichen, springe ich ganz dreist mit auf den Zug. Und präsentiere Ihnen nun, was ich in den Weiten des Internets fand: meine 16-jährige Existenz. Ich fand Texte, von denen ich dachte, sie wären unwiederbringlich fort. Doch wir wissen ja, dass das Netz nie vergisst und deswegen zeige ich Ihnen jetzt mein 16-jähriges Ich, das als politische Lyrikerin ganz groß rauskommen wollte. (Leider hat nie ein Schulbuchverlag angeklopft und gefragt, ob ich die Rechte abtrete, ich bin wirklich untröstlich). Falls Sie mit diesem ungehörigen Zur-Schau-Stellen einer unschuldigen 16-jährigen nicht klar kommen, klicken Sie einfach hierhin, dann wird’s besser.

Man sagt von uns

Man sagt von uns wir seien unpolitisch, faul und träge.

Man sagt von uns wir seien nur am Materiellen interessiert.
Man sagt von uns wir könnten nicht mitreden, weil wir den Krieg nicht kennen.
Man sagt von uns wir hätten Glück.

Seid ihr neidisch auf uns?

Man sagt von euch ihr wärt auf die Straße gegangen.
Man sagt von euch ihr hättet den Wohlstand aufgebaut.
Man sagt von euch ihr wärt Pazifisten.
Man sagt von euch ihr hättet das alles für uns aufgebaut.

Wundert ihr euch?

Ich frage mich hat das alles einen Zusammenhang?
Ich frage mich hat das alles einen Sinn?
Ich frage mich warum seid ihr nicht damit zufrieden, wie ich geworden bin?

Stelle ich zuviele Fragen?

Man sagt von mir ich würde alles hinnehmen.
Man sagt von mir mir ging’s zu gut.
Man sagt von mir ich wüsste viel zu wenig davon.

Seid ihr daran nicht Schuld?

Seid ihr nicht für uns, für eure Zukunft, auf die Straße gegangen?
Habt ihr nicht für eure Kinder geschuftet?
Habt ihr nicht für ein besseres Morgen den Frieden gewollt?
Wolltet ihr nicht, dass wir es besser haben?

Das ist euch gelungen.

Weil es zu selbstverständlich ist, danken wir es euch nicht.
Weil es zu selbstverständlich ist, nehmen wir es nicht als eine Kostbarkeit wahr.
Weil es zu selbstverständlich ist, schießen wir eure Warnungen in den Wind.

Trotzdem Danke.

Kommentare

theomix sagt:

Ist okay.
Also, Und bei verschmutztem Schuhwerk würde ich auch noch die Linke abtreten. Aber vielleicht ist gewollt lustig schlimmer als gewollt politisch… :mrgreen:

ellebil sagt:

Ich verstehe diesen Kommentar nicht so richtig.

theomix sagt:

Der erste Satz ist der wichtigste.
Der zweite ein wortspiel.
Der dritte gilt, wenn das wortspiel nicht funzt… Also gilt er. :-/

ellebil sagt:

Ah, jetzt verstehe ich :).

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