Technische Spielereien

Weil dasnuf gerade von einem sprechenden Spielroboter in den Wahnsinn getrieben wird (so liest es sich zumindest), fiel mir ein, dass ich auch im Besitz eines solchen bin. 1999, als mein Zeugnis noch so richtig, richtig gut war, hatte ich mir in den Kopf gesetzt endlich auch mal eine Trendsetterin unter den Spielzeugbesitzerinnen zu sein, eine early adopter ohne das Wort überhaupt zu kennen. Zwei Jahre zuvor hatte ich nämlich verzweifelt versucht ein Tamagotchi zu bekommen. Alle meine Freunde hatten ein Tamagotchi und weil ich schon keinen Hund als Haustier hatte, dachte ich, dass mir meine Eltern ja wenigstens ein virtuelles Haustier kaufen könnten. Dass in meinem Zimmer drei Fische untergebracht waren, zählte ich einfach mal nicht als offizielles Haustier. Die waren ja mal total langweilig. Trotz schrecklicher Bettelversuche bekam ich kein Tamagotchi.

Zwei Jahre später sah die Welt anders aus. Ich war alt und reich genug, mir einen Furby zu kaufen. Mit zehn Jahren meine gesamten Ersparnisse und mein Zeugnisgeld für ein schlechtverarbeitetes Stück Technik, das im Entferntesten an so etwas wie eine Eule erinnerte, zu verschwenden, hielt ich für vollkommen angemessen. Also ging ich eines Tages im Jahr 1999 in das Spielzeuggeschäft unserer Stadt und wollte einen Furby erstehen. Leider war es bereits zu einem Furby-Engpass gekommen, sodass ich nur noch das Exemplar kaufen konnte, das schon etwas länger im Laden stand und deswegen auch bereits leicht sozialisiert worden war. Die Phase in der das Tierchen nur die Fantasiesprache „Furbisch“ faselte, war leider bereits vorbei, das Tierchen konnte nur noch Deutsch. Tatsächlich war der Furby wahnsinnig langweilig. Ich hatte auf eine Art Papagei gehofft, dem man Sätze beibringen konnte. Bis heute ist der Furby allerdings nicht in der Lage gewesen, irgendeinen Satz von mir zu lernen. Vermutlich habe ich mich zu wenig mit ihm beschäftigt. Füttern konnte man diese Furby-Variante, indem man ihm den Finger in den Mund steckte und er ein paar mal darauf rumkaute und mit einer Stimme, die entfernt an das Baby von den Dinos erinnerte „Mhm, schmeckt gut!“ brabbelte. Ich verlor sehr schnell das Interesse, vor allem, weil ich mir nie merken konnte, wie man den Furby zum Schlafen brachte. Dazu brauchte es die Furbyfibel, die quasi die offizielle Cheat-Bibel für den Furby war. Man musste ihm 3x über den Rücken streicheln und dann irgendwie klatschen und Furby entschlummerte schnarchend. Alternativ konnte man ihm auch mit dem Finger den Lichtsensor über den Augen zuhalten, er meckerte dann etwas, das es so dunkel und langweilig sei, aber schlief auch relativ zügig ein. Wenn er besonders nervte, konnte man auch einfach das Batteriefach mit dem Schraubenschlüssel aufdrehen und ihm den Lebenssaft wortwörtlich entziehen.

Ein Sommer war Furby interessant, vor allem für unser ein Jahr zuvor eingezogenes Kaninchen, das sich gelegentlich an ihm abarbeitete. Ein Besuch bei einer Freundin, die ebenfalls einen Furby hatte, war noch ganz lustig, weil sich die beiden Elektroviecher noch unterhalten und zusammen singen konnten, dann aber war der Furby wahnsinnig langweilig geworden und bekam keine neuen Batterien mehr.

Sechs Jahre später, ich war mittlerweile in der zehnten Klasse, entdeckte ich den Furby wieder. In einem Anflug von missionarischem Technikeifer reaktivierte ich das Plüschmonster und nahm es zur Freude aller Klassenkameraden mit in die Schule. An dem Tag hatten wir Unterricht bei unserem schrulligen Deutschlehrer. Der Mann war definitiv an uns verschwendet. Wir interessierten uns weder für seine Begeisterung für Thomas Mann, noch für die Gedichte von Georg Trakl, die er uns versuchte näher zu bringen. 16-jährige, die wir waren, interessierten sich viel mehr für die angebliche Liebesbeziehung Georg Trakls zu seiner Schwester, seine Drogensucht und für Thomas Manns Homosexualität. Und weil wir mit seinem intellektuellen Gelaber nichts anfangen konnten, hatten wir ihm heute jemanden mitgebracht, der ihn intellektuell herausfordern sollte. So saß der Furby zu Beginn der Unterrichtsstunde auf dem Lehrerpult und sang das Furbylied. Unser Lehrer setzte sich und begann direkt eine zehnminütige Unterhaltung mit diesem neuen Schüler und tätschelte ihm den Rücken. Leider war der Furby den Anforderungen der 10. Klasse eines NRW-Gymnasiums aus unerklärlichen Gründen nicht gewachsen. Er durfte deshalb nicht mehr am Unterricht teilnehmen und wurde in den Klassenschrank zu den schimmelnden Pausenbroten, den nach Schweiß stinkenden Turnschuhen und dem vergessenen Klassen-Kaktus verbannt. Der Unterricht ging weiter bis der Furby begann zu rebellieren.

Es war ihm natürlich viel zu dunkel im Klassenschrank, was er artikulierte. Unser Lehrer versuchte den Furby zu ignorieren, wir kicherten etwas. Weder die schimmelnden Pausenbrote, noch die Turnschuhe und erst recht nicht der Kaktus wollten mit dem Furby spielen, was ihn dazu veranlasste enttäuscht sehr laut „Mhm, wie langweilig!“ zu seufzen. Jetzt lachten wir. Unser Lehrer lachte mit. Schließlich beschloss der Furby, dass es wohl besser sei, zu schlafen und fing an zu schnarchen. Ich weiß heute nicht mehr, welches Thema wir in der damaligen Stunde behandelten, nur, dass unser Lehrer nach den Sommerferien in Rente ging. Der Furby auch.

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