KW 16/18

Montag. Ich verbringe den Tag damit zu versuchen, produktiv zu sein. Ich bin wahnsinnig produktiv. Ich entsorge das Regal, das ich seit langem los werden möchte, in den Keller. Denn der Freund-Verlobte möchte das Regal nicht loswerden. Also wuchte ich es durch die Wohnung. Das Regal ist sehr instabil, es kippt ständig von einer Seite zur anderen. Es ist ein billiges IKEA-Holzregal, das wir in der alten Wohnung vorfanden, nachdem die Vormieter ausgezogen waren. Zusammen mit einem alten Schreibtischstuhl, einem riesigen Röhrenfernseher – den sie uns entgegen unseres ausdrücklichen Wunsches schenkten – und mehreren Toastern. Den Fernseher kriegte man 2013 noch gut in einem von diesen Facebook-Netzwerken verschenkt, mittlerweile glaube ich, dass der Markt für alte Röhrenfernseher tot ist. Die Schreibtischstühle landeten auf dem Sperrmüll und wo die nicht-funktionierenden Toaster gelandet sind, möchte ich gar nicht wissen. Das Regal ist also der letzte Überrest aus der alten Wohnung, den ich nicht haben will, dessen Existenz ich aber akzeptiere.

Dienstag. Ich bin weniger produktiv als am Vortag. Es ist ein denkbar belangloser Tag, den ich damit verbringe, meinen Kirschblütenhass ausgiebig zu zelebrieren. Das ist dermaßen belanglos, dass ich 6 Tage später durch meinen instagram-Feed scrollen muss, um mich daran zu erinnern, dass ich wieder kostbare Lebenszeit damit verschwendet habe, mich aufzuregen. Diese Kirschblüte ist aber auch ein formidabler Grund für einen Menschen wie mich sich aufzuregen. Ich hass-lese schließlich auch Influencer. Es gibt mir irgendwas, nervt aber alle Menschen um mich herum. Jedenfalls kann ich mich an größtmöglicher Dämlichkeit herrlich ergötzen und darüber beschweren. Und wer im Tütü durch die Bonner Altstadt springt, weil da zufällig 12 bis 18 Kirschbäume blühen, zieht dabei meinen Spott auf sich. Man möge mich deshalb einen schlechten Menschen nennen. Ich definiere schlechte Menschen als solche, die keine Rücksicht auf andere nehmen, Straßen blockieren und Fahrradfahrer dazu zwingen riskante Ausweichmanöver um Fußgänger auf einer Straße zu fahren. Ich bin deutscher als ich dachte. Allerdings gehe ich nicht so weit, öffentlich Androhungen auszuhängen, in alle Kirschblütenbäume der Bonner Altstadt 7000 Kupfernägel zu schlagen.

Mittwoch Es ist außerordentlich heiß in dieser Stadt und ich trage ein Kleid und verbringe die Mittagspause auf einem Spielplatz, auf dem außerdem ein Kirschbaum steht. Ich fühle mich verfolgt.

Donnerstag. Es ist weiterhin sehr heiß. Ich verbringe den Abend am Alten Zoll. Neben uns grillen Menschen, die ich als „Abiturienten nach Abiturprüfungen“ beschreiben möchte. Ich erinnere mich an mich selbst in dieser Zeit und habe das Gefühl, dass man davor und danach nie wieder so ein anstrengender Mensch war. Das Entitlement, weil man Abitur hatte. Man fühlte sich wie der klügste Mensch auf der Welt, Elite. Nicht umsonst gab es den Vorschlag „Die Elite braucht kein Motto“ für unsere Abishirts. Es wurde dann „Abitendo – 13 Level durchgezockt“. Nebenan am Alten Zoll muss man seine Männlichkeit jedenfalls dadurch beweisen, dass man eine halbe Flasche Grillanzünder auf den Grill kippt.

Freitag. Es ist weiterhin heiß. In der Mittagspause platze ich versehentlich in eine Hochzeitsgesellschaft, die mich und meine Begleitung dazu anregt, zu überlegen, wie sich das Brautpaar kennengelernt hat. Wir denken uns Namen für sie aus und raten ihr Alter. Wir sind außerordentlich böse Menschen. Abends essen der Freund-Verlobte und ich uns durch eine Speisekarte und sitzen zum ersten Mal seit 2017 dabei wieder draußen. Das ist schön.

Samstag. Der Freund-Verlobte möchte nach Endenich gehen. In der Mittagshitze. Ich halte das für keine gute Idee, ziehe aber meine Sandalen an und gehe mit. Auf dem Weg dahin beschimpfe ich den Freund-Verlobten die ganze Zeit, merke, dass die Sandalen meine Fersen aufschubbern und die Mittagssonne wirklich nicht gut ist. Der Freund-Verlobte bietet mir mehrmals an, dass ich ja umkehren könne und er alleine weitergehen würde. Aber das ist ja auch doof, Dinge, die ich begonnen habe, kann ich ganz schlecht abbrechen. Zu allem Übel hat das Café, das wir testen wollten dicht, aber immerhin kann der Freund jetzt seine DE-Mail nutzen. Dann trinken wir einen grausigen Cold Brew, der bei längerem Konsum vermutlich die gegenteilige Wirkung von Botox hat. Der superkrassgute Bäcker in Endenich macht samstags leider auch schon um 13 Uhr dicht, was ich um 13.05 Uhr herausfinde. Abends verfluche ich als Radfahrerin Menschen, die auf Radwegen gehen.

Sonntag. Ich scanne Zeitschriften von 1962 ein und esse Pizza. Versuche außerdem den Tatort zu gucken. Scheitere.

2 Kommentare

  1. Hallo, ellebil.

    Wo in Endenich hat es einen krassguten Bäcker? O.O Meinst du den ganz kleinen Bäcker zwischen Frongasse und Kreisverkehr?
    Jedenfalls schön, im Blogland mal jemanden aus Bonn anzutreffen. Und wenn es nur zugereist ist, egal!

    Jetzt schmöker ich hier weiter.

    Schöne Grüße aus Poppelsdorf,
    Franziska

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