Der unrebellische, tiefstapelnde Grottenolm oder: mein Tag im Hass

Ein äußerst putziger Grottenolm, der für eine schlechte Metapher herhalten musste.  Foto:

Ein äußerst putziger Grottenolm, der für eine schlechte Metapher herhalten musste.
FotoArne Hodalič, CC-BY-SA 3.0

Während ich heute als gute Studentin „gut vernetzt“ meine „soziale Kompetenz“ pflegend durch facebook lief, stieß ich auf ein facebook-Posting der FAZ, die meinte, die Studenten von heute seien „Grottenolme am Badesee ohne Weltanschauung, die vor lauter Geschwafel vergessen, auch mal Widerstand zu leisten und deren einziger Antrieb die Aussicht auf den öffentlichen Dienst zu sein scheint.“ Sieben FAZ-Autoren würden sich arge Sorgen um mich machen und versuchen mich aufzuwecken (Studenten schlafen ja gerne länger, so das gängige Klischee). Ich schaute an mir herunter und konnte spontan nicht entdecken, dass ich zum Grottenolm mutiert war. Und was für ein Grottenolm wäre ich denn? Die bei Studenten allseits beliebte Wikipedia weiß: „Der Grottenolm ist ein als dauernde Larvenform in Höhlengewässern lebender europäischer Schwanzlurch und die einzige Art der Gattung Proteus.“ 

Meine Art ist also einzigartig, das ist ja schon mal gut zu wissen, hat so etwas elitäres. Die Larvenform-Metapher passt auf Studenten (ich verwende dieses Wort jetzt einfach mal, auch wenn ich Studentin bin, die FAZ schreibt gelegentlich auch von „Studierenden“.), die quasi die akademische Ursuppe bilden, auch ganz gut.

Also, was schreiben diese sieben angesehenen FAZ-Autoren so? Das, was sie von ihren eigenen Lesern nicht lesen wollen. Seit dem 17. Juli wird zurückgerantet, zurückgetrollt und ja, ich finde tatsächlich auch beleidigt.

Jürgen Kaube meint, Studenten von heute hätten keine Lust mehr zu diskutieren oder sich vorzubereiten. Der Revoluzzer-Charme der 68er fehlt. Mag sein, vielleicht haben wir aber auch nur gut gelernt, dass Revoluzzer-Charme heute nicht mehr so gut ankommt. Und das, wogegen wir dann aufbegehren – laut Kaube „moralischer Protest gegen politische Inkorrektheiten (genderpolitische, kolonialismusvergessene, ungleicheitsblinde)“ – ist dann auch nicht gut genug. Soso, aha. Vielleicht kann die FAZ ja mal eine Liste veröffentlichen mit Themen gegen die man im Seminar aufbegehren könnte? Ich hake dann auch immer ab und schreie am Ende Bingo. So verschult wie ich bin, habe ich das schnell drauf.

Friederike Haupt hat anscheinend Abneigungen gegen von Robotern geschriebene Lebensläufe. Ich werde meine Lebensläufe dann demnächst einfach mit Alpakawolle im Goethe-Institut klöppeln, das kann ein Roboter vermutlich noch nicht. Vielleicht schreibe ich dann auch eine Bewerbung an das FAZ-Feuilleton: Geschichtsstudentin mit wertlosem Abschluss, interessiert an eigentlich gar nichts, hätte gerne Geld und ist auch bereit dafür gelegentlich die Finger über der Schreibmaschine zu krümmen. Praktika habe ich keine gemacht, so etwas braucht man doch nicht, vor allem wenn man sich die gängigen Studentenzeitschriften auf dem Markt anschaut. Berichten die etwa über Gebühr über Praktika? Natürlich nicht!

Jan Grossarth hat Zeit. Er guckt sich Youtube-Videos von den Grünen an. Das Internet ist das Biotop des Grottenolms, dort präsentiert er sich und lässt sich verdummen. Sein Hirn verschleimt da. Der öffentliche Dienst ist neben dem Internet das beste Biotop für Grottenolme, weil man da so schön nichts sagen kann. Insofern hat Grossarth mit der Veröffentlichung dieses Textes im bösen Internet vielleicht einen riesigen Fehler begangen: wie viele arme hirnverschleimte Wesen jetzt wohl aufwachen, ihren Job im öffentlichen Dienst kündigen und sich auf Grossarths Stelle bewerben werden?

Axel Wermelskirchen nennt den Grottenolm einen Grottenolm. Denn ein Grottenolm ist ein Grottenolm ist ein Grottenolm. Studenten von heute haben ja gar keine Zeit mehr. Wegen Bologna. Und das wirft man jetzt den Studenten vor. Mal abgesehen von der Tatsache, dass die meisten Menschen, die heute studieren, bei der Bolognareform grob geschätzt 15 Jahre alt waren, wählt Wermelskirchen evtl. den falschen Adressaten mit seiner Kritik. Wir sind Grottenolme, weil ihr uns dazu gemacht habt! Trotzdem war ich heute im Schwimmbad, falls es jemanden interessiert.

Genau, Matthias Alexander beschreibt sehr genau ein Problem. Menschen, die „genau“ sagen sind genau gar nicht zu gebrauchen. Und genau, Grottenolme sagen total oft genau. Deutschland schafft sich genau mit der aktuellen Generation genauigster Studenten ab. Studenten sind nämlich gar nicht so genau, wie sie mit ihrem ständigen „genau“ sagen vorzutäuschen meinen. Eigentlich sind sie alle ziemlich dumm. Genau. Das Wort „genau“ ist anscheinend ein Dummheitsindikator. Ich werde jetzt aufs genaueste untersuchen gehen, wie oft Matthias Alexander in seinen Artikeln das Wort genau benutzt. So als Privatvergnügen abends um 11, wenn ich als gute Bolognese-Studentin mal Zeit habe.

Rainer Hank wünscht sich rebellische Studenten zurück. Vielleicht hat er diese Unistreiks anno 2009 nicht mitbekommen oder den Protest gegen Studiengebühren. Studenten können sich nur auf einen Konsens einigen, labern wild herum und haben keine „Weltanschauung“. Und: „Wer keine Weltanschauung hat, will nicht erwachsen werden.“ Vielleicht wollen wir ja alle nicht erwachsen werden, weil erwachsen werden (was immer das sein mag) gerade nicht die schönste Aussicht ist, die man hierzulande haben kann.

Georg Giersberg findet: ihr seid doch alle zu geisteswissenschaftlich. Angeblich interessieren wir uns ja alle nur für die Oberfläche, nicht für das, was darunter liegt. Tja, dazu kann ich leider nichts sagen, ich studiere eine popelige Geisteswissenschaft. Ich werde niemals ein Grottenolm, der sein Smartphone selber basteln kann. Sehr, sehr traurig.

Ach ja, um zum Grottenolm zurückzukommen, liebe FAZ, die Wikipedia schreibt: „Der Grottenolm gehört zu den am stärksten bedrohten Arten Europas. Ursache sind vor allem Abwässer aus Industrieansiedlungen, die in die Karstgewässersysteme einsickern und beispielsweise Schwermetall enthalten. Es soll dadurch bereits zum Erlöschen vieler Populationen gekommen sein. Um die Tiere zu schützen wäre es notwendig, die Höhlengewässer nicht weiter zu verschmutzen.“

Vielleicht wäre es für Studenten notwendig, ihren natürlichen Lebensraum zu erhalten und sie nicht mit pauschalisierendem Quatsch zu belästigen. Danke für gar nichts. You get what you give.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Georg Giersberg findet: ihr seid doch alle zu geisteswissenschaftlich. Angeblich interessieren wir uns ja alle nur für die Oberfläche, nicht für das, was darunter liegt.“

    …aber gucken wir als GeisteswissenschaftlerInnen nicht unter die Oberfläche um tiefere Mechanismen und Verbindungen zu erkennen? Oder mach ich da einfach nur was falsch?

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    • Dazu muss ich sagen, dass dies eine Interpretation von mir ist. Giersberg schreibt nirgendwo irgendwas von „zu geisteswissenschaftlich“, sondern beschwert sich darüber, dass niemand die Jugend für Technik begeistert. Deshalb interessiert sich niemand für Ingenieurwissenschaften und von denen, die es tun, brechen 40% ihr Studium ab. Aber wo jemand nicht technikbegeistert genug ist, ist er vielleicht begeisterter für Geisteswissenschaften? So zumindest meine Vermutung. Wir sind jedenfalls alle zu oberflächlich: „Offenbar versäumen Elternhaus, Schule und Wirtschaft, statt begeisterter Handynutzer auch begeisterte Handyerfinder auszubilden.“ http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/weckruf-an-die-aktuelle-studentengeneration-13039149-p3.html

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  3. ich wollte etwas kluges dazu schreiben, fällt mir aber zu wenig ein. vielleicht ist es zu heiß dazu. oder es ist einfach wie es ist:
    der beitrag ist gut. da kann man nix dazutun.

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